Im Winter
Was ist Winter für mich?
Kälte natürlich, und Schnee, auch wenn er häufig gar nicht da ist.
Dieses unvergleichliche Knirschen der eigenen Schritte auf dem frischgefallenen Schnee.
Eine trostlose graubraune Landschaft wird durch Schnee in ein makelloses weißes Zeichenblatt verwandelt, die gerade noch sichtbaren Zäune und Bäume bilden die Skizze auf dem Papier.
Winter ist auch Wärme, schon im Kontrast zur Kälte, beides geht nur zusammen. Draussen der bittere Frost, der bis ins tiefste Knochenmark zieht, der jegliche Konzentration auf anderes verbietet, der jede Bewegung erlahmen lässt und in den Augenwinkeln beisst. Drinnen die Wärme, die Brillen beschlagen lässt, Nasen laufen und Füsse sehr langsam auftaut. Nach draussen mitzunehmen ist die Wärme als heisses Getränk, in einem Becher zwischen den klammen Fingern.
Winter ist ein großer Stern, in einem Fenster aufgehängt.
Winter ist Dunkelheit am Nachmittag und die gleißende Helligkeit der Schneedecke am Morgen.
Die Wasserränder, die sich auf den Schuhen abgesetzt haben.
Die Sekunde vor dem Fallen, wenn man denkt, oha, hier ist es aber glatt.
Eine Kiste mit duftenden rotwangigen Äpfeln im Windfang.
Ein plötzlich im Schnee verharrendes Reh, die Ohren gespitzt.
In der Großstadt gibt es weniger Winter als auf dem Land.
Die unglücklichen Schneemänner meiner Kindheit, denen Grashalme aus Bauch und Brust stakten, weil die Schneedecke auf dem Rasen so dünn war.
Die Empörung meiner Mutter, weil sie den gesuchten Topf auf dem Kopf des Schneemanns wiederfand.
Ihre Augenbrauen, als sie feststellte, dass wir unsere Schlittenkufen mit Margarine fetteten.
Mein Vater, Schnee schaufelnd in der Einfahrt.
Der Winter, als er uns ein Iglu baute.
Dampfender Tee in einer Tasse.
Weihnachtsgebäck auf einem Teller, zerkrümelter Stollen.
Unmengen von Einwickelpapier, Plastikfolie und Verpackungsmaterial, hässlich zusammengeknautscht im Papierkorb um Platz zu machen für weitere Mengen von Plastik und Papier.
Ein nasser Hund, im Hausflur den Schnee heftig von sich schütteln, unangenehm riechend und voller ungestümem Leben.
Die Katze, die mit untergeschlagenen Pfoten auf dem warmen Fensterbrett thront und von dort die Nachbarschaft beäugt.
Meine Schwester, wie sie mich von hinten gepackt hielt, um mir das Gesicht mit Schnee einzuseifen.
Grauverhangener Himmel.
Ebenfalls grauer Schneematsch.
Farblose Gräser. Nebel. Eisflächen, die sagen "Betritt mich" und die Verbotsschilder davor.
Ich, als Kind, auf einer überschwemmten, zugefrorenen Wiese, durchnässt bis unter die Knie, weil ich beim Schlittschuhlaufen eingebrochen war. Die Schlittschuhe, deren zusammengeknotete Schnürsenkel in die Schulter einschneiden und die auf Fliesen ein laut schlurrendes Geräusch machen.
Das verheissungsvolle Funkeln der Kerzen des Weihnachtsbaums durch die Glasscheibe der Wohnzimmertür.
Das Anschwellen der Stimmen, wenn in der Christmette "Oh, Du fröhliche" gesungen wird.
Die Menschenmassen in den Einkaufsstraßen, mit gefüllten Tüten und Taschen bepackt.
Die Spendenaufrufe.
Das Frösteln im Zimmer, trotz aufgedrehter Heizung.
Die brennende Hitze des Heizkörpers.
Das Zischen, mit dem der Saft von Bratäpfeln auf den Boden des Herdes tropft.
Der Verkehr, die Stimmen, jedes Geräusch erscheinen seltsam gedämpft durch den Schnee.
Sich nicht überwinden können, die Wohnung zu verlassen.
Der innere Zwang, es doch zu tun, denn: Die Sonne scheint.
Kleinkinder in Schneeanzügen, die sie wirken lassen wie Miniatur-Michelin-Männchen, so bewegungsunfähig, dass sie vornüber in den Schnee kippen.
Leute, die Gesichter so tief in den Mantelkragen vergraben, dass sie kaum zu erkennen sind.
Und natürlich das Kindergeschrei an einem Nachmittag im Park an einem Abhang, durch die Kufen schon stark zerschnitten. Zerschnitten wird auch die eisige Luft durch die wilden Rufe der Kinder.
Das Gefühl, sich nicht mehr an Sommer erinnern zu können: das ist Winter.
