26. April 2013

Die schönste Leiche Italiens oder was Venedig und Berlusconi gemeinsam haben (Teil I)

Dieser Text ist eigentlich schon älter, da ich ihn aber nur handschriftlich (!) in ein Notizbuch geschrieben hatte, verschwand er still und heimlich aus meinem Gesichtsfeld. Neulich fand ich ihn wieder, und da ist er nun, leicht angepasst, erweitert und glattgeschmirgelt.


I

Ich glaube, die Venezianer hassen die Touristen ein bisschen. Das haben sie mit den Berlinern gemeinsam. Leute (wie mich, zum Beispiel), die hingerissen das Postboot anstarren und kichernd durch das Hochwasser waten, die die zahlreiche schmalen Durchgänge und Gassen verstopfen, weil sie fortwährend fotografieren.
Venedigs morbide Schönheit wird zurecht häufig zitiert. Die Stadt strahlt viel von der Faszination einer kunstvoll aufgebahrten Mumie aus und sie verwest nichtsdestotrotz weiter, wenn auch voll Eleganz. Anders als Berlusconi, wie ich finde, um den Titel des Eintrags aufzugreifen. Die Stadt liegt in der Lagune wie die kunstvoll aufgebahrte Leiche eines Heiligen in einer Kirche. Ich musste an diesen hier denken, der zwar möglicherweise Italiener war, allerdings als Katakombenheiliger schon länger außer Landes weilt. Aber Venedig ist nicht nur eine schöne Leiche, sondern auch ein Wald aus Stein. Das war mein erster Eindruck: Es gibt in dieser Stadt kaum Grün. Höchstens in Form von Gärten, hinter hohen Mauern erahnbar, oder als ramponierte Rasenfläche vor der Universität.

     
                                                                                   

II

Venedig als Idee verkörpert die Philosophie der Renaissance: Menschen erschaffen etwas allein auf der Basis eines Gedankenkonstrukts. Ein Beweis der Macht menschlichen Willens. Auch wenn ich natürlich im Reiseführer gelesen habe, dass die Lagune schon viel früher besiedelt wurde und sicher nicht mit der Absicht, etwas unwahrscheinliches zu beweisen. Seit Jahrhunderten wird Venedig totgesagt, der Untergang steht dauerhaft unmittelbar bevor: La Serenissma versinkt, verdünnisiert sich wieder im Meer. Und doch ist es immer wieder nicht soweit. Wer weiß, vielleicht würde Venedig ohne die ganzen Touristen jetzt sofort untergehen. Wie mein Bücherregal, dass vor allem durch die Last der darin befindlichen Bücher nicht umkippt, wenn es auch unter ihnen fast zusammen zu brechen scheint. Touristen sind sozusagen der Mörtel und der Schimmel Venedigs in Personalunion. Eine Stadt, die sich auf einer sehr kleinen Fläche erhebt und ursprünglich auf Sand gebaut ist, auf einer Sandbank. Eigentlich wie Sylt, nur zugebauter. Und auf Pfählen. Aber wir wollen nicht kleinlich sein mit den Vergleichen.

III


Kirchen, die als Zentralbau angelegt sind, wie diese hier (auch oben im Bild), haben an sich weder einen Eingang noch einen Ausgang- jede Pforte sprengt das Prinzip des Kreises. An die Rundung angepasste Kirchentüren und -portale habe ich noch nie gesehen. Insoweit sprengt natürlich jeder Zentralbau das Prinzip des Kreises, weil er eben Portale usw. besitzt. Das ist vielleicht doch keine so bahnbrechende Überlegung, wie ich beim Anblick der Kirche dachte. Hm.

IV


Das Klischee zeichnet Italiener als Menschen mit Lebensart, die das Dasein genießen. Venedig ist voller hastig vorbei eilender Italiener mit grauen Gesichtern, die deprimiert oder genervt wirken und die sich vor allem schnell von Ort zu Ort bewegen, um (im November) nicht mehr zu frieren als nötig.
Wahrscheinlich stimmt das Klischee einfach nicht. Stimmen Klischees jemals? Und worauf basierend entstehen sie eigentlich?

V

Das Teatro la Fenice ist wunderschön, aber nur so lange man sich auf den großen Saal konzentriert. Alles andere wurde eben doch nicht so historisch genau wieder aufgebaut. Wie sollte man auch? Welche Stadt kann heute noch Handwerker bezahlen, die jede Stuckrosette, jeden Wandfries einzeln per Hand herstellen? Verlässt man den Theatersaal mit den opulenten Deckenmalereien, Kronleuchtern und dem schimmernden Samt, fällt auf, wie oberflächlich das Opernhaus wieder zusammen geschustert wurde. Die Stuckfriese, die die Wände zur Decke hin abgrenzen, sehen ein bisschen nach Baumarkt aus, hinter den Fußbodenleisten lugen Kabel hervor. Alles ein bisschen Disney, alles ein bisschen modern gammelndes Venedig.

Die allermeisten Gäste kamen erst in den letzten Minuten ins Theater. Touristen, die sich spontan für das Konzert entschieden, nehme ich an. Wir haben nämlich dasselbe getan. Es hat was elektrisierendes, wenn ein Freund an einer Litfaßsäule stoppt und sagt, hey, wir könnten jetzt ins Konzert gehen. Und schon sitzen wir drinnen und wussten kaum, wie uns geschah.

                                                                                 


VI

Das Essen in den Restaurants ist grauenhaft, wenn man sich von auffälligen Schildern leiten lässt und großartig, wenn man 1. das Glück hat, gute Tipps zu bekommen und 2. eine Spürnase hat. (Wie wir. Beweis links.) Einen wesentlichen Anteil seiner Künstlichkeit bezieht Venedig daraus, dass pro Tag, pro Stunde quasi, eine unfassbare Menge von Touristen durch die Stadt geschleust werden. Und jedes Restaurant, fast jedes Geschäft und jedes Museum sind auf die Touristen ausgerichtet, und das wird besonders beim Essen deutlich. Und trotzdem übt die Stadt, wie sie im Novembernebel daliegt, eine große Faszination auf mich aus. Venedig schweigt im November, und das sehr beredt. Es gibt viele Momente, in denen ich auf meinen Wegen völlig alleine auf den Brücken stehen bleibe, mich in engen Durchgängen verliere und mich plötzlich auf dem kleinen Platz zwischen einem Marmordenkmal und einer Linde wieder finde, wo ich begonnen hatte.

VII


Ein Einzelzimmer im Hotel ist genauso teuer wie ein Doppelzimmer. Das ist ein Zustand, den ich als Single anprangere. Die Pension gehört einem Ehepaar mit Papagei. Er sitzt auf einer Stange neben der Eingangstür und beobachtet das Geschehen auf der Straße durch die große Fensterscheibe: eine Art Wachhund, nur in bunt. Manchmal macht er leise schnarrende Geräusche und rückt ein bisschen auf der Stange hin und her. Er kann auch ein paar Worte sprechen, aber meine paar Brocken Italienisch reichen nicht zum Papageienverstehen. Ich hatte auch nicht die Muße, mich lange genug neben ihn zu stellen, um seine Worte aufzuschnappen. Ich habe ihn erst richtig gesehen, als er sich bewegte. So exotische Tiere nehme ich wahrscheinlich selbstverständlich als künstlich an.



VIII

Die Heizungen sind mir suspekt. In meiner Pension zumindest stehen keine Zahlen an den Thermostaten der uralten Heizkörper. Ich als Deutsche engagiere im Geiste sofort ein Heer von Installateuren um diesen Missstand zu beheben. Kann ja nicht angehen, ts. Es ist außerdem grässlich feucht-kalt, völlig der Jahreszeit angemessen und spürbar bis ins Knochenmark. Wahrscheinlich sind im Laufe der Geschichte viel mehr Venezianer an den Folgen von Rheuma (kann man überhaupt an Rheuma sterben? Nun. Dies ist kein Medizin-Blog.) gestorben als an der Pest. Auf dem Bild rechts ist übrigens eine Art elektrische Mückenabwehr zu sehen, wie man mich später aufgeklärt hat. Denn natürlich hat Venedig auch im November noch Mücken in eindrucksvoller Größe zu bieten. Unter die Lamellen dieser Apparatur werden ominöse Pappkärtchen geschoben, die noch ominösere Chemikalien im Zimmer verdampfen und die Mücken abhalten/sterben/kichern lassen sollen. Da ich das alles ja noch nicht weiß, steige ich Nachts mit dem Stadtführer (Michael Müller Verlag! Sehr zu empfehlen! Bekomme ich kein geld für! Leider!) bewaffnet den venezianischen Mücken hinterher und könnte schwören, sie kichern bestimmt. Die schicke Plastiktischdecke gehört natürlich zur Pension mit dem Papagei.

                                                               


IX

Der Dogenpalast

Der Dogenpalast ist eine gewaltiger Speicher von Bürokratie aus einer Zeit, von der man glaubt, es hätte noch keine Bürokratie gegeben. Das dunkle Innere hat eine erdrückende Wirkung, die zahllosen Säle hintereinander gereiht, Gänge, Treppen, Zimmer, Kammern. Alles mit dunklem Holz getäfelt, zum Teil mit Wandbehängen und Intarsien, riesige Gemälde. Das graue Tageslicht dringt kaum bis ins Innere. In der Sala del Maggior Consiglio, dem Saal des großen Rats, zeigt ein Fries oben unter der Zimmerdecke die Porträts sämtlicher Dogen. Aus der Höhe schauen sie streng auf die Besucher herab. Darunter fällt ein Gemälde auf, auf dem der Porträtierte mit einem schwarzen Tuch übermalt ist. (Wie oft schon wollte die Leute gerade seine Geschichte hören?) Er wurde hingerichtet, weil er korrupt war. Wahrscheinlich eher, weil er jemandem im Weg war oder zu offensichtlich erwischt wurde.




29. Dezember 2010

Im Winter

Was ist Winter für mich?
Kälte natürlich, und Schnee, auch wenn er häufig gar nicht da ist.
Dieses unvergleichliche Knirschen der eigenen Schritte auf dem frischgefallenen Schnee.
Eine trostlose graubraune Landschaft wird durch Schnee in ein makelloses weißes Zeichenblatt verwandelt, die gerade noch sichtbaren Zäune und Bäume bilden die Skizze auf dem Papier.

Winter ist auch Wärme, schon im Kontrast zur Kälte, beides geht nur zusammen. Draussen der bittere Frost, der bis ins tiefste Knochenmark zieht, der jegliche Konzentration auf anderes verbietet, der jede Bewegung erlahmen lässt und in den Augenwinkeln beisst. Drinnen die Wärme, die Brillen beschlagen lässt, Nasen laufen und Füsse sehr langsam auftaut. Nach draussen mitzunehmen ist die Wärme als heisses Getränk, in einem Becher zwischen den klammen Fingern.

Winter ist ein großer Stern, in einem Fenster aufgehängt.
Winter ist Dunkelheit am Nachmittag und die gleißende Helligkeit der Schneedecke am Morgen.
Die Wasserränder, die sich auf den Schuhen abgesetzt haben.
Die Sekunde vor dem Fallen, wenn man denkt, oha, hier ist es aber glatt.
Eine Kiste mit duftenden rotwangigen Äpfeln im Windfang.
Ein plötzlich im Schnee verharrendes Reh, die Ohren gespitzt.
In der Großstadt gibt es weniger Winter als auf dem Land.
Die unglücklichen Schneemänner meiner Kindheit, denen Grashalme aus Bauch und Brust stakten, weil die Schneedecke auf dem Rasen so dünn war.
Die Empörung meiner Mutter, weil sie den gesuchten Topf auf dem Kopf des Schneemanns wiederfand.
Ihre Augenbrauen, als sie feststellte, dass wir unsere Schlittenkufen mit Margarine fetteten.
Mein Vater, Schnee schaufelnd in der Einfahrt.
Der Winter, als er uns ein Iglu baute.
Dampfender Tee in einer Tasse.
Weihnachtsgebäck auf einem Teller, zerkrümelter Stollen.
Unmengen von Einwickelpapier, Plastikfolie und Verpackungsmaterial, hässlich zusammengeknautscht im Papierkorb um Platz zu machen für weitere Mengen von Plastik und Papier.


Ein nasser Hund, im Hausflur den Schnee heftig von sich schütteln, unangenehm riechend und voller ungestümem Leben.
Die Katze, die mit untergeschlagenen Pfoten auf dem warmen Fensterbrett thront und von dort die Nachbarschaft beäugt.
Meine Schwester, wie sie mich von hinten gepackt hielt, um mir das Gesicht mit Schnee einzuseifen.
Grauverhangener Himmel.
Ebenfalls grauer Schneematsch.
Farblose Gräser. Nebel. Eisflächen, die sagen "Betritt mich" und die Verbotsschilder davor.

Ich, als Kind, auf einer überschwemmten, zugefrorenen Wiese, durchnässt bis unter die Knie, weil ich beim Schlittschuhlaufen eingebrochen war. Die Schlittschuhe, deren zusammengeknotete Schnürsenkel in die Schulter einschneiden und die auf Fliesen ein laut schlurrendes Geräusch machen.

Das verheissungsvolle Funkeln der Kerzen des Weihnachtsbaums durch die Glasscheibe der Wohnzimmertür.
Das Anschwellen der Stimmen, wenn in der Christmette "Oh, Du fröhliche" gesungen wird.
Die Menschenmassen in den Einkaufsstraßen, mit gefüllten Tüten und Taschen bepackt.
Die Spendenaufrufe.
Das Frösteln im Zimmer, trotz aufgedrehter Heizung.
Die brennende Hitze des Heizkörpers.
Das Zischen, mit dem der Saft von Bratäpfeln auf den Boden des Herdes tropft.
Der Verkehr, die Stimmen, jedes Geräusch erscheinen seltsam gedämpft durch den Schnee.

Sich nicht überwinden können, die Wohnung zu verlassen.
Der innere Zwang, es doch zu tun, denn: Die Sonne scheint.
Kleinkinder in Schneeanzügen, die sie wirken lassen wie Miniatur-Michelin-Männchen, so bewegungsunfähig, dass sie vornüber in den Schnee kippen.
Leute, die Gesichter so tief in den Mantelkragen vergraben, dass sie kaum zu erkennen sind.

Und natürlich das Kindergeschrei an einem Nachmittag im Park an einem Abhang, durch die Kufen schon stark zerschnitten. Zerschnitten wird auch die eisige Luft durch die wilden Rufe der Kinder.

Das Gefühl, sich nicht mehr an Sommer erinnern zu können: das ist Winter.

26. November 2010

Über Essen: Liebe und Hass, Teil 2

Pferde.
Ein kurioses Detail im Leben der Schlachterfamilie war, dass sie Pferde hielten. Zum Spaß, nicht zum Essen. Die Schlachterfamilie hatte mindestens drei Kinder, die den ganzen Tag draußen waren und immer Reitstiefel und schlammbespritzte, alte Trainingshosen trugen. Ich war sehr neidisch auf dieses wilde, freie Leben, obwohl mir die Kinder und ihre Pferde auch unheimlich waren.

Ich wuchs zwischen den Regalen einer Kleinstadt-Buchhandlung auf, wo ich viel Zeit damit verbrachte, alle Arten von Texten in mich auf zu saugen. Meine Abenteuer bestanden darin, gelegentlich in Nachbars Garten von einem Baum zu fallen (erlaubt, vom Nachbarn, dagegen nicht von meinen Eltern), mit den vier Töchtern des Nachbarn über Zäune im Schrebergartengelände zu klettern (auch unerlaubt) und mir im Freibad den Hals nach älteren Jungen zu verrenken (die sich nicht für zehnjährige kleine Mädchen interessierten).

Aber Pferde und Schlachthöfe gehörten definitiv nicht zu meinem typischen Umfeld. Die Kinder der Schlachterfamilie lebten quasi draußen, immer in der Nähe ihrer Pferde und immer irgendwie mit ihnen beschäftigt. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals ein anderes Thema gegeben hätte. So fand ich mich bei einem Besuch zu meinem Entsetzen plötzlich in der Mitte einer verschlammten Koppel wieder, um mich kreisend ein schmutziger Schimmel an einer Longierleine. Auf dem Zaun saßen die Schlachterskinder und ihre neugierigen Freunde und schrien mir zu, wie ich es bewerkstelligen sollte, mittels einem Anlauf und einem gewagten Sprung den um den Bauch des Schimmels geschnallten Voltigiergurt zu packen und mich auf den Pferderücken zu schwingen. Dass ich das tatsächlich geschafft habe, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich muss einen unvermittelten Anfall von Mut gehabt haben.

Weitaus faszinierender fand ich die Geburt von Kurt. Kurt war ein Fohlen, dass auf dem Schlachterhof zur Welt kam. Lange hatte die Familie die trächtige Stute bewacht und gerade als ich wieder einmal zu Besuch kam, war Kurt geboren worden, nur Minuten vorher. Eine ganze Reihe Leute waren in dem Pferdestall versammelt und verfolgten, auf die Boxeneinfriedung gestützt, das Geschehen. Das Fohlen lag im Stroh, noch feucht, und wurde von seiner Mutter beständig angestupst, damit es endlich aufstand. Leider war Kurt kein langes Leben beschieden, denn kaum war ausgewachsen, starb er an Darmverschlingung.

Mein Großvater war immer besorgt, dass seine Enkelinnen durch das ständige Lesen verweichlicht werden könnten. Da er zu seinem Leidwesen weder Söhne noch männliche Enkel besaß, wurden meine ältere Schwester und ich zum alleinigen Ziel seiner Idealvorstellung von unabhängigem, mutigem Nachwuchs. Wer heulte, war eine Memme und wer drinnen sitzen und Lesen wollte, ein armseliger Streber. Aber die Schlachterskinder und ihre Pferde hatten es meinem Großvater angetan. Sie entsprachen genau seiner Vorstellung und kamen dem nahe, wie er selbst aufgewachsen war: Auf einem Kleinstbauernhof in Schlesien, ohne Vater. Insoweit war es natürlich mein kleiner, dicker Großvater in seinem ewig selben grauen Pullover und den unförmigen Hosen, der mit Kopfschütteln verfolgte, wie seine verschreckte Enkelin zwischen den wilden Landkindern versuchte, möglichst wenig aufzufallen.

Bei einer anderen Gelegenheit wurde ich ins Haus geholt, weil das Familienoberhaupt mich kennenlernen wollte. Nervös darüber, was mich wohl erwartete, fand ich mich allein in einem großen Eckzimmer des Hauses wieder. Ein Erker überblickte die Felder außerhalb Lübecks, die Aussicht fiel direkt auf die Pferdekoppel, wo der kleine - und noch lebendige - Kurt Bocksprünge machte. Der Raum, wie auch das gesamte Haus, war dem Thema Pferde gewidmet. An den Wänden Kupferstiche von Pferden, Fotos von Kindern auf Pferden, Stammbäume von Pferden und in den Regalen Bücher über Pferde. In dem Erker stand ein Schreibtisch, auf dem die Skulptur eines stolzen Hengstes mit aufgebäumtem Hals thronte. Sie beeindruckte mich allermeisten. Ich war in den Anblick so vertieft, dass ich nicht merkte, wie die Hausherrin hereinkam und sich mir näherte. Als sie mich fragte, warum ich die Skulptur so intensiv betrachtete, erschrak ich fürchterlich. Sogleich überlegte ich, ob ich vielleicht etwas ungehöriges getan hatte. Aber sie wollte nur genau wissen, was mich an dem Pferd denn so beeindrucke. Völlig verwirrt darüber, dass ein Erwachsener ernsthaft an meiner Meinung interessiert schien, stotterte ich eine Antwort.

Die alte Dame war dunkelhaarig, schlank und hielt sich sehr aufrecht. Die Statur einer typischen Reiterin hätte ich mir denken können, wenn ich es damals gewusst hätte. Und sie war sehr respekteinflössend, preußisch geradezu in ihrer Strenge, und trotzdem nicht unfreundlich. Ich war aber viel zu nervös um viel von der Freundlichkeit mit zu bekommen.

Die Welt auf dem Schlachtershof war eine völlig fremde für mich. Sie sah nicht nur anders aus, als das was ich kannte, sie roch und klang auch anders. Die Leute hatten ein anderes Verhältnis zum Tieren, zu Schmutz und zu Essen. Und vor allem, was die Verarbeitung kürzlich getöteter Tiere zu Esswaren anging. Ich kannte Würstchen, Hackfleisch und Hähnchenschnitzel. Alles, was noch zubereitet optisch eindeutig an Lebewesen erinnerte, ekelte mich an. Schon ein ganzer Braten oder ein gebratenes Hähnchen entsetzten mich. Dass meine Großmutter mir einmal ein Stück fette Schweineschwarte (und bestimmt stammte diese aus der bekannten Schlachterei) zum Naschen gab, hat mir nur deshalb keine Übelkeit verursacht, weil sie äußerlich nicht mehr an Schwein erinnerte und ich daher nicht wusste, woran ich herumnagte. Essen außerhalb meines Zuhauses machte mir Angst, der Aufenthalt bei meinen Großeltern machte mir ebenfalls Angst und Essen bei meinen Großeltern war am Gefährlichsten.

15. September 2010

Ein roter Milan

Wenn ich früher meine Großmutter besucht habe, bin ich oft mit ihr in den Feldern außerhalb des Dorfes spazieren gegangen.

Dabei haben wir uns meistens über das unterhalten, was um uns herum passierte, die Tiere und Pflanzen, die wir sahen. Manchmal wies meine Großmutter mich darauf hin, wenn sie einen Greifvogel am Himmel sah. Dunkle Silhouetten, die gemächlich große Kreise zogen und unvermittelt herabschossen, einer Maus hinterher jagend.
Besonders die roten Milane hatten es ihr angetan, sagte sie. Weil sie selten seien, und weil sie zwischen den anderen Vögeln sofort auffielen.

Als wir zwischen den Feldern standen und unseren Blick über die Ebene zum Horizont schweifen liessen, zeigte sie auf einen Milan, dessen Umriss sich vor dem blendenden Sommerhimmel abzeichnete:

"Wenn ich mal tot bin, und du siehst einen roten Milan, dann weißt du, dass ich das bin."

Und jetzt, jedesmal wenn ich einen Greifvogel sehe, hoffe ich, dass es ein roter Milan ist.

9. September 2010

Über Essen: Liebe und Hass, Teil 1




Der Film: "Delicatessen" von Jean Pierre Jeunet, einer meiner absoluten Favoriten.

Ich bin ja mitunter heikel, was Essen angeht. Innereien, zum Beispiel, können mich nur eingeschränkt begeistern. Da ich andererseits ein grundsätzlich neugieriger Mensch bin, probiere ich aber neue oder ungewöhnliche meistens Nahrungsmittel aus. Dass ich Herz nicht mag, entschied ich, nachdem ich in einem japanischen Grillrestaurant ausgiebig auf einem herumgekaut hatte. Es schmeckte so lebendig.

Mein Sportlehrer in der Oberstufe (klein, untersetzt) war mit einer Brasilianerin verheiratet (klein, zierlich). Beide hatten eine Tochter, die (oh, Gene!) so winzig war, dass sie wie die Puppenversion eines Kleinkindes wirkte. Gelegentlich brachte der Sportlehrer seine winzige Tochter mit zum Unterricht und legte damit jede Aktivität im Kurs lahm. Riesige Basketballspieler beugten sich fasziniert über das winzige Mädchen, das seinen Kopf in den Nacken legte, um sie anzuschauen.
Bei einem der Male brachte er eine Tüte aus Brasilien stammende, geröstete und mit Schokolade überzogene Ameisen mit. Der Reiz war einfach zu groß, ich mußte sie probieren. Es hatte den Lehrer schon einige Überzeugungskraft gekostet, bis wir ihm glaubten, dass wir echte Ameisen vor uns hatten und keinen seltsamen Faschings-Scherz. Fast war ich enttäuscht: Die Ameisen schmeckten nach nicht viel, außer nach Schokolade. Ziemlich knusprig. Aber ansonsten unspektakulär.

Ganz anders sind meine Kindheitserinnerungen an meine Großeltern. Meine Oma kochte eigentlich nicht gern, und daher auch nicht besonders gut. Sie lag lieber auf dem Sofa, las kitschige Romane und aß Unmengen Mon Chérie, After eight und Ferrero Küsschen. Die Papierchen, in die die Süßigkeiten gewickelt waren, fanden wir noch Jahrzehnte später beim Saubermachen in den Sofaritzen.
Aus Kochunlust wärmte meine Oma also Dosengemüse auf und rührte dicke Saucen mit Fertigpulver an. Das alles konnte man wahrscheinlich unter "gut bürgerlich" verbuchen, es war eben nur sehr phantasielos. Einmal war meine Oma zutiefst beleidigt, als meine Mutter eine Knoblauchzehe in den Topf mit dem Sonntagsbraten schmuggelte und das Urteil meines Opas (auf den Tisch schlagend und mit vollem Mund) daraufhin lautete: "Mensch, Frau! Schmeckt mal gar nicht schlecht!". Seine Frau mit "Frau" anzusprechen entsprach dem Humor meines Opas.
Wenn meine Oma frische Zutaten verwendete, so kamen diese aus dem Schrebergarten meiner Großeltern. Oder vom Schlachter. Der Schlachter war nämlich ein Freund meines Opas. Da mein Opa in einem anderen Zeitalter, bevor ich geboren war, Elektriker gewesen war, half er dem Schlachter-Freund mitunter mit seiner Kühlanlage. Für die inoffiziell abgewickelten Dienste wurde mein Opa in Naturalien entlohnt, was hiess, dass er völlig absurde Mengen von Fleisch jeder erdenklichen Herkunft in rosa Papier eingeschlagen überreicht bekam.

Die Besonderheit für mich bestand darin, dass ich zu diesen Ausflügen in die Schlachterei mitkommen durfte. Der Betrieb befand sich auf einem ehemaligen Bauernhof, am Stadtrand von Lübeck gelegen, und gehörte einer Familie, deren Mitglieder von der Großmutter bis zum Enkel alle irgendwie mit in die Arbeit eingebunden waren. Die Familie war sehr stolz auf ihre Schlachterei und darauf, dass sie noch selber schlachteten und alle Erzeugnisse selbst herstellten. Im Hof befand sich ein ehemaliger Schweinestall, in dem die -nunmehr toten- Schweine zu Würstchen verarbeitet wurden. Ich fürchtete mich ein bisschen vor dem flachen dunklen Bau, in dem noch leerstehende Koben zu sehen waren, von deren Decke nackte blassrosa Schweinehälften hingen.

Offenbar wurde ein Teil des Schweinefleischs eingepökelt, denn ich kann mich an Wannen aus Weißblech erinnern, die die Salzlake und die Fleischstücke enthielten. Die Wannen waren so flach, dass auch ich mit meinen sechs Jahren hinein blicken konnte. Wie gebannt starrte ich herab auf das aufgequollene Fleisch, an dem ich noch leere Augenhöhlen und haarlose Schnauzen ausmachen konnte. Gesteigert wurde mein Grusel nur durch die Schlachterin selbst, die in einer weißen Gummischürze auf mich zu kam, um sich aus ehrfurchtgebietender Größe zu mir herab zu beugen. Ihre von der Lake krebsroten Hände steckten in Gummihandschuhen, und mit der Rechten hielt sie mir ein gepökeltes Schweineohr entgegen: rosa-weißlich lappte es zwischen ihren Fingern und glänzte noch feucht.
Mit dröhnender Stimme pries sie mir diese besondere Delikatesse an, eine Ehre für mich, die ich nur geniessen durfte, da ich so einen hilfsbereiten Großvater hatte. Nie habe ich die Freundschaft meines Opas mit dem Schlachter mehr verwünscht. Ich glaube, ich bin einfach zur Salzsäule erstarrt, passender Weise.

Im nächsten Kapitel: Pferde.


Das ist ein Cliffhanger, was?

4. August 2010

Elf Monate

... fast ein Jahr ist vorbei, dann kann man ja auch mal wieder was schreiben. Nicht zuletzt deshalb, weil es zu lang ist, um es bei Twitter unterzubringen, und kurz genug, um mich nicht vom Schreiben abzuschrecken.

Im Moment ist mein Leben sehr schwierig, es läuft viel schief. Liebeskummer, mein Job urplötzlich weg, Geldprobleme mit fürchterlich überzogenem Konto sowieso. Ich weiß nicht, wie es nach meinem Abschluss weitergehen wird: Werde ich das Promotionsstipendium bekommen? Was für eine Zensur werde ich überhaupt für die Abschlussarbeit bekommen? Und die Prüfungen? Der Liebeskummer begleitet mich als ein permanentes Grundgefühl, wie eine Verkörperung all dessen, was mich zusätzlich belastet und traurig macht, wobei die Geldprobleme natürlich am existenziellsten sind.

Also eilte ich heute kurz vor der Schliessung in die Bibliothek, um mir einen Film auszuleihen, der mich etwas aufmuntern und ablenken könnte. Hektisch zog ich DVDs aus den Regalen, auf der Suche nach einem Film mit Untertiteln. Letzten Endes orientierte ich mich an den Abbildungen auf den Hüllen, es musste schnell gehen: Ein französischer Film, vorne eine dunkelhaarige Frau mit ernstem Gesicht abgebildet. Gut, dachte ich, bloss nicht zu lustig. Der zweite Film russisch, eine Entwicklungsgeschichte, offenbar auch eher ernst.

Ich ging zum Ausgang und erst in der U-Bahn sah ich mir die DVDs genauer an, der Titel des französischen Films:

J'ai horreur de l'amour.

Hm. Manchmal sendet mein Unterbewußtsein mir sehr eindeutige Botschaften.

4. September 2009

Die Bullerbü-Psychose

weitere Fotos von FrauFeli

Da meine Cousine mir soeben eröffnet hat, dass sie mit dem Gedanken spielt, selbst ein Blog zu schreiben, fühle ich mich hiermit zu einem neuen Eintrag inspiriert.

Wir sind schon seit unserer Kindheit befreundet und blicken daher auf eine Vielzahl erfreulicher (für uns) und unerfreulicher (für unsere Umwelt) Erfahrungen zurück. Wir sind, trotz großem geographischem Abstand, in ähnlichen Umfeldern aufgewachsen und haben häufig ähnliche Sorgen, meistens finanzieller Natur.

In unserer heutigen Unterhaltung kamen wir zu dem Schluss, dass wir unter einem schweren, wenn nicht sogar genetischen, dann auf jeden Fall seelischen Schaden leiden, der uns glauben macht, unser Leben sei nur dann perfekt, wenn es näherungsweise dem Universum des inoffiziellen Familienidols Astrid Lindgren gleiche. Zwar nahm unsere Unterhaltung einen kurzen Umweg über das Armenhaus in "Michel aus Lönneberga" (eine Schilderung, die uns heute noch zu Tränen rührt, wie wir feststellen mußten), doch waren wir uns einig, dass wir als Kinder ein Ideal eingeimpft bekamen, dass uns bis auf den heutigen Tag anhängt.

Gefühlt wohnen wir in farbig gestrichenen Holzhäusern mit Lochstickerei-Gardinen und Veranden, auf denen der blinde Großvater im Schaukelstuhl vor sich hin sinnt. (Was ja an sich schon mal zwei identische Großväter erfordert.)

Im Sommer würden wir angeln (in der Hoffnung, nichts zu fangen, da sich sonst das Problem des Fische-vom-Leben-in-den-Tod-beförderns stellen würde) oder wir jagten Onkel Einar, der Katzen Büchsen an den Schwanz bindet (Kalle Blomquist) und fürchteten uns vor Gespenstern im Waschhaus (Madita). Wie man sieht, basiert der vorhergehende Absatz auf der Annahme, dass wir selber uns noch im Kindesalter befänden. Da dies aber, äh, schon seit längerem nicht mehr der Fall ist, sollten wir das Szenario entsprechend anpassen:

Wir wären also die Muttis des Bullerbü-Kosmos (aufgrund eines kleinen Irrtums hätte ich beinahe Labyrinth geschrieben..), und würden weiße Schürzen über den gestreiften Kleidern tragen und den ganzen Tag singen. Wir würden für jeden ein gutes Wort haben und wenn wir nicht gerade Marmelade einkochen oder Fleischklösschen braten (Karlsson vom Dach), dann verarzten wir aufgeschlagene Knie und basteln mit allen Kindern zusammen am Küchentisch.

Und Weihnachten, oh, Weihnachten (typische Lindgren-Formulierung), das wäre die großartigste Zeit im Jahr. Wir stünden fast ununterbrochen in der Küche um dort die wunderbarsten Pfefferkuchen, Gans mit glasierten Kartoffeln und Reispudding in dem eine Mandel versteckt ist (Weihnachten auf Bullerbü)zuzubereiten. Und dann würden wir alle zusammen um den riesigen Christbaum tanzen.

Wir könnnten einige der heutigen Annehmlichkeiten, wie Waschmaschine und Zentralheizung geniessen und natürlich müssten die Papas sich beteiligen an den Aufgaben. Und ausserdem hätten wir eine Arbeitsstelle in der Stadt, und es gäbe wohl auch ein Auto. Natürlich auch völlig ungedenk der Tatsache, dass zumindest ich bis jetzt weder Ehemann noch Kinder vorweisen kann und ich mich also vorläufig auf den Bau und das Einrichten des kleinen blauen Hauses konzentrieren könnte (da die Möbel zu einem nicht unwesentlichen Teil aus einem großen schwedischen Möbelhaus stammen würden, wäre ich damit auch einige Zeit beschäftigt).

Die Schöpferin dieser magischen Erzählungen hatte genauso eine Büroarbeit in der Stadt und eine kleine Wohnung und einen viel prosaischeren Alltag als man vermuten möchte.

Dies alles umfasst unsere Bullerbü-Psychose, deren Problem in der Diskrepanz zwischen dem angelesenen (bzw. an-vorgelesen-bekommenen) Ideal und der rauhen Wirklichkeit einer vollen U-Bahn nachmittags um sechs liegt. Unser ganzes bisheriges Leben und auch unser ganzes zukünftiges werden wir beschäftigt sein, diese Psychose in unser Ich zu integrieren, diese Abwesenheit von weißen Holzveranden in unserem Leben. Was hätten wir ohne die Bücher von Astrid Lindgren gemacht? Wahrscheinlich wären wir heute Drogensüchtig und/oder Terroristen geworden. Oder wir hätten eine andere Psychose entwickelt.

Allerdings fällt mir dazu auch eine Passage aus den Lebenserinnungen Astrid Lindgrens, "Das entschwundene Land" ein, in der die Autorin die Liebesgeschichte ihrer Eltern beschreibt. Sinngemäß sagt sie, dass sie nur eine so wunderbare Kindheit haben konnte, weil ihre Eltern eine so positive Haltung zum Leben verkörpert haben und diese den Kindern mit auf den Weg gegeben haben.

Astrid Lindgren selber hatte kein sehr einfaches Leben, und ich glaube, das wirklich bewundernswerte ist, durch Hochs und Tiefs diese positive Grundhaltung immer wieder aufzunehmen, auch wenn sie zeitweise verloren gehen mag.

3. August 2009

Komisch, so warm hier

weitere Fotos von FrauFeli

 

Nur um mal was gesagt zu haben: Schön hier. Viel zu tun. Es ist laut, meistens. Von irgendwoher.

Die Vampire wohnen immer noch bei mir und werden auch das kommende halbe Jahr noch bleiben.

Unbedingt probieren: Zitroneneis mit frischer Minze. Der Kuchen bei der Brezel Company, Lenaustr. 10.

Schönen Sommer noch.

5. April 2009

Menschen in Neukölln Teil 15 (fast) (also fast in Neukölln, mein ich)

Neulich in der U-Bahn hörte ich, wie sich zwei Frauen unterhielten. Über die X, die jetzt ja auch schwanger sei.

Frau 1: Also, ein bisschen gewundert hab ich mich ja schon.

Frau 2: ?

Frau 1: Weil die X mich fragte, ob ich ihr beim Schuhe zubinden helfen könnte. Sie hätte solche Mühe damit, jetzt, wo sie schwanger ist.

Frau 2: ??

Frau 1: Na, man sieht ihren Bauch ja noch nicht mal.


Ich: (schnell aussteigen, draussen weiterlachen)

15. März 2009

Schon wieder im Café


Café II (Catherine's) from Frau Feli on Vimeo.


Endlich mal wieder ein Eintrag, und gleich mal wieder mein Blick in ein Café. Ich habe nicht meine Lieblingsorte ausgewählt, sondern mich einfach danach gerichtet, wo ich mit wenig Aufwand meine gewünschte Perspektive aufnehmen konnte: Linear, den Blick geradeaus auf den Raum gerichtet. Und diesmal auch ein bisschen länger, und mit -immerhin- fast dem ganzen Musikstück. Ähem. Ich mußte leider zum Schluss was rausschneiden, weil sich zwei Frauen ins Bild setzten, und die waren dann im Weg.

Mir gefällt das Ergebnis, weil ich in Kombination mit der lebhaften Musik an eine Puppentheateraufführung denken mußte, die ich als Kind gesehen habe. Große Holzpuppen, jede fest auf einem Wägelchen mit Rädern installiert, wurden mittels quer gespannten Schnüren auf der Bühne bewegt. Die Arme der Puppen konnten zum Gestikulieren auf und ab bewegt werden, und aus dem Off sprachen Schauspieler die Dialoge.
Insgesamt ein sehr surrealer und fremder Effekt, verstärkt durch das rumpelnde
Geräusch der Räder auf der Bühne.

11. Februar 2009

Der Clip zum Header

Neulich im Café...




nahm ich spasseshalber dieses Video mit meiner Kamera auf. Ich habe die Tonspur mit der Unterhaltung (peinlich, ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, worum es ging) (und meine Stimme klingt sowieso wie Donald Duck mit Bronchialkatarrh, aber das geht ja möglicherweise vielen so, die ihre Stimme nur von der eigenen AB-Ansage kennen) ersetzt durch Miles Davis, Ascenseur a L'echaffaud. Also, die ersten paar Takte jedenfalls, mangels Länge des Films. Aber es ist ja auch mein Erstlingswerk, hoho. Und, ehem, daher auch in entsprechend grottiger Qualität. Aber Ihr wisst schon, camp style.

Dem Video vorausgehend hatte ich einige Fotos gemacht, von denen ich meinen Favoriten gestern in tiefer Nacht in meinen neuen Header verwandelt habe. Danke an C. für die Hilfe beim html! (Und wenn mir noch jemand sagt, wie man den weißen Streifen im Header rechts entfernt..dann bin ich glücklich mit dem Ergebnis.)

25. Januar 2009

Menschen in Neukölln Teil 14


Gestern abend, mal wieder auf dem Heimweg. Hastig durch die klamme Kälte eilend, schlängelte ich mich an einem Pärchen vorbei, dass trotz des ungemütlichen* Wetters schlendernd in eine Unterhaltung vertieft war. Ich hätte glatt -kennen wa doch- an das hier einzusetzende südeuropäische Lieblingsland denken mögen.

Das Pärchen, wenn es denn eins war, kannte sich wohl noch nicht so lange, denn so sagte

er zu ihr:

"Aber machst du Filme nicht auch, um Selbstbestätigung zu bekommen?"
(...)

Die Unterhaltung setzte sich nicht weiter ungewöhnlich fort, zurück blieb (bzw. voraus eilte, mir war nämlich wirklich kalt) eine
verwirrte Frau Feli. Ein Abend in Neukölln, und was sieht man? Studenten, ausländische Touristen, aufstrebende Jungunternehmer mit wirren Frisuren, Menschen in lila Pullundern und Chucks mit Schachbrettmuster. Alkis, junge Unholde jeglicher Couleur auf Ärger aus herumstrolchend, Kranke, Arme und Vergessene, where art thou?!

Sie sind schon noch da, und wo sollten sie sonst auch hin. Aber sie bekommen ein gewisses Gegengewicht aus unerwarteter Richtung. Die Richtung ist Nordost. Mitte, wenn nicht Prenzlauer Berg. Wem Kreuzberg zu teuer wird, der kommt hierher. Ob ich das gut finde? Ja, so lange die Mieten nicht so sehr steigen, dass ich - und die Vergessenen- sie nicht mehr zahlen kann. Natürlich ist es nett, wenn das Straßenbild bunter wird und plötzlich um die Ecke vietnamesische Nudelküche und hübsche kleine Cafés mit alten Sofas eröffnen. Aber nicht so nett ist es, wenn man von Nachbarn hört, dass die bisherigen Bewohner aus den alten Wohnungen vertrieben werden, damit das Haus in eine elegante Eigentumswohnungsplantage verwandelt wird.
Es müßte doch möglich sein, alle unter einen Hut zu bekommen, Alkis und Unternehmer. Oder so.


*Eine Neuseeländerin verkündete mir einmal, dass "ungemütliches Wetter" eine ihrer liebsten deutschen Redewendungen sei, weil ihr einfach keine passendere Beschreibung für Berliner Winterwetter einfiele. Hm. Wie habe ich das zu verstehen? Wahrscheinlich gibt es in Neuseeland zu selten ungemütliches Wetter. Und wenn, dann vermeidet man wahrscheinlich, das Haus die nächsten paar Tage zu verlassen. Es sei denn, man will unbedingt den Roaring Fourties trotzen. Dem blanken Hans würde ich als native Küstenbewohner wohl sagen.

10. Januar 2009

Das alte Jahr ist tot, es lebe das neue Jahr!



Oben die Dokumentation einer vorweihnachtlichen Kuchenschlacht. So gut. Wir sind so lange geblieben, dass wir vom Besitzer des Cafés schließlich Sekt ausgegeben bekamen.

Zugenommen oder abgenommen?

Ha. Schon mal einfach zu beantworten: zugenommen. Aber meine Güte. Es könnte schlimmer sein, wird auch wieder abgenommen. Hoffe ich doch mal.

Dazu eine Geschichte (zum neuen Jahr muß es ja auch was extra geben, nich. ) Ich überquerte neulichst (beliebte norddeutsche Wortkonstruktion) mal wieder den Hermannplatz, als ich einer Unterhaltung hinter mir lauschte:

Er zu ihr: Ja, weißt du, ich finds so krass, die hat total zugenommen.
Sie zu ihm: Echt? Boah.
Er zu ihr: Die ist richtig dick geworden, die wiegt bestimmt fünf Kilo mehr oder so! Also unmöglich, die hat sich überhaupt nicht mehr im Griff.
Ich: *schluck*.
Ich hab mich dann lieber nicht umgedreht, weil mein Blick mich *sofort* entlarvt hätte.


Haare länger oder kürzer?

Äh. Uuuhh. Ich glaub, etwas kürzer. Mehr Stufen jedenfalls.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Öh. Ich hoffe, keins von beiden. Ich ignoriere aber Veränderungen immer so lange wie möglich, weil auch nur neue Gläser ja schon eine kostspielige Angelegenheit sind.

Mehr Kohle oder weniger?

Mehr. Glaub ich. Wär schön, wenn ich mehr davon merken würde. Aber ich will mich nicht beschweren, andererseits.

Mehr ausgegeben oder weniger?

Bestimmt auch mehr. Alleine der ganze Renovierungsschnickschnack für das unten genannte Bett hat mich wieder mehr gekostet, als ich gedacht hätte. Aber dafür besitze ich jetzt das wunderbarste Bett der Welt, selbst abgeschliffen und lasiert in weiß und braun und soo schön.

Der hirnrissigste Plan?

Ein in seine Einzelteile zerlegtes Bett in der U-Bahn transportieren zu wollen. (Was ich klugerweise nach der ersten Fuhre aufgegeben habe.)

Die gefährlichste Unternehmung?

Wahrscheinlich der obige Transport. Oder: Einen übervollen Pappbecher mit Milchkaffee in der einen Hand, unter dem Arm eine Tüte mit Mittagsverköstigung, über dem Arm meine Handtasche, in der anderen Hand die Süßigkeiten für die werten Kollegen (ähm, und mich) sowie einen Apfel irgendwo dazwischen von der Caféteria bei der Arbeit mit dem Fahrstuhl bis in den 10. Stock transportieren zu wollen. Hat aber doch geklappt, mit nur ganz wenig kleckern.

Mehr Sport oder weniger?

Weniger. Dafür mehr schlechtes Gewissen. Ich habe mal Kampfsport gemacht. Irgendwann, in einem anderen Leben fern von hier.

Die teuerste Anschaffung?

Das silberne Wunderding: mein Macbook.

Das leckerste Essen?

Das Abendessen bei der Konfirmation meiner Nichte, gekocht und serviert vom besten italienischen Freund des italienischen Vaters selbiger Nichte in dessen Restaurant. Es gab ganz klassische italienische Küche, Anti pasti, einen Pasta-Gang, Saltimbocca und Putenroulade (bzw das italienische Äquivalent) und Tirami su zum Nachtisch. An sich nicht ausgefallen, aber *sagenhaft gut, geradezu in die Knie zwingend überwältigend gut gekocht*, dass ich nur noch dumpfe Laute des Wohlbefindens von mir geben konnte.

Das beeindruckendste Buch?

Poah. Ihr machts einem aber nicht leicht. Ein sehr tolles, erst kürzlich gelesen: Margret Atwood, Katzenauge. Und weil ich mich nie auf nur ein tolles Buch beschränken könnte und ich viele gelesene Bücher grad nicht im Kopf habe: Carson McCullers, Gesammelte Erzählungen. Isabel Allende, Mein erfundenes Land. Und das ist jetzt Zufall, dass das lauter Bücher von Frauen sind. Hier noch ein Mann: Andrea de Carlo, Guru.

Das enttäuschendste Buch?

Da fällt mir wenig ein, aber zum Beispiel: John Updike, Sucht mein Angesicht. Ich fands langweilig, selbstgefällig, unglaubwürdig, voraussehbar. Kurz: doof.

Der ergreifendste Film?

Hmmm. Ich kann mich zur Zeit sehr für skandinavische Filme begeistern, und wenn sie skurril sind, dann sowieso. Oft jedenfalls. Also: Das jüngste Gewitter, Håkan Angser.

Die beste CD?

Seit es sich eingebürgert hat, Musik über das Internet zu erwerben, kaufe ich leider kaum noch CDs. Und im letzten Jahr auch wenig Musik, weil nicht nur mein alter Computer sich verabschiedete, sondern auch meine 24 Jahre alte Anlage. Aber, so zum Beispiel: Paolo Conte, Paris milonga. Element of Crime, Damals hinterm Mond. Franz Ferdinand, gleichnamiges Album.

Die meiste Zeit verbracht mit…?

..Arbeit, ..Lesen, ..Freunden. Ähm, und vor dem Computer.

Die schönste Zeit verbracht mit… ?

Mit Freunden, ..mit Büchern, ..mit meinem Patenkind.

Vorherrschendes Gefühl 2008?

Langsames, of mühseliges und zähes Voranschreiten.

2008 zum ersten Mal getan?

Meine Stiefschwester beim Gebet überrascht.

2008 nach langer Zeit wieder getan?

Schwimmen gewesen, und danach dann gleich wieder lange nicht mehr. Ausrede: Die Schwimmhalle wird zur Zeit renoviert. So richtig in Urlaub gefahren, nach Barcelona.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?

1.Immer noch keinen Abschluss zu haben, 2. meinen Kontostand, 3. auf das Gefühl, am falschen Ort zu sein.

Die wichtigste Sache, von der Du jemanden überzeugen wolltest?

Kauf Dir bitte, bitte nicht dieses Kleid. (Es lag am Kleid, aber ganz klar!)

Das schönste Geschenk, das Du jemandem gemacht hast?

Eine Oktoberfestbarbie. Und für mich war das abseitigste Geschenk das ich mindestens in den letzten *zehn Jahren* gemacht habe.

Das schönste Geschenk, das Dir jemand gemacht hat?

Uneingeschränkte Liebe. „Du bist der allerliebste Mensch, den ich kenne.“ Kein Mann. Mein Patenkind.

Der folgenreichste Satz, den jemand zu Dir gesagt hat?

Die Entscheidung liegt bei Ihnen.

Der folgenreichste Satz, den Du zu jemandem gesagt hast?

Ich werd versuchen, ob ich diese Monster-Puppe irgendwo bekomme.

2008 war mit 1 Wort…?

Viel.

Vorsätze für 2009?

Da das Jahr sich jetzt schon als ein wahrscheinlich noch volleres abzeichnet: Weniger unter Druck setzen, mehr durchatmen, aber auch mehr anpacken.

3. Januar 2009

Zum Neuen Jahr: Küchenfunk

weitere Fotos von FrauFeli

 

Ich kann mich gar nicht fassen vor Begeisterung: Ich habe heute eigenhändig und ohne Hilfe W-LAN installiert! Hach. Ich bin ja so geschickt. Im Foren durchsuchen, vor allem.

Und jetzt kann ich in meiner Küche sitzen und bloggen. Oder Mails lesen. Oder auch (sinnvoller Weise) nach neuen Jobs suchen oder für meine Prüfung lernen. Großartig.

Ich bin erwartungsvoll, was das neue Jahr angeht. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte keine Angst. Es kommt wieder einmal viel Ungewisses auf mich zu, und dabei fürchte ich sowieso immer um die Sicherheit meines gewohnten Alltags, dass ich sie verlieren könnte. Ich denke, diese Paranoia rührt daher, dass man im Leben zu oft oder zu lange die Erfahrung gemacht hat, dass nichts sicher zu sein scheint. Und infolgedessen fürchtet man ständig, dass die möglicherweise vorhandene Idylle plötzlich verpuffen könnte. Genauso bin ich. Das ist mal ein ernster Blogeintrag, was?! Ich bin immer sehr gedankenvoll zum Jahreswechsel, die Bilanz, die ich vom vergangenen Jahr zu ziehen pflege, fällt selten überschwänglich aus. Es wäre schön, wenn ich die Dinge mal einfach auf mich zukommen lassen könnte. Aber das sieht so faul aus. Oder luschig, um einen typischen Kindheitsausdruck zu benutzen.

Jedenfalls plane ich, in den nächsten Tagen eine weitere nette Frage-Liste, die ich unter anderem bei Frau K. gefunden habe, zu beantworten. Allerdings wird das nicht viel lustiger. Wie gesagt, der Jahreswechsel.

Aber es ist ein sagenhaftes Gefühl, abends in der warmen Küche zu sitzen, die winterliche Kälte dräut schwarz vor dem Küchenfenster. Das MacBook singt mir traurige Lieder vor, es gibt Tee und Kekse (das arme MacBook..wer mich twittern sieht, was ich meine.) und ich genieße die Zeit. Und meinen Mut, einen Ratenzahlungsvertrag abgeschlossen zu haben und dadurch eine glückliche Frau Feli aus mir gemacht zu haben.

Hinzusetzen muss ich noch, dass mir jemand mittels Blog (und verbal, nicht zu vergessen, ein großartiges Kompliment gemacht hat, dass mich zu heftigem Blinzeln zwang. Und sowas ist einfach toll, Freunde zu haben.