28. Februar 2006

Menschen in Neukölln -Teil 1

Also hier folgt nun der viel be- und versprochene Blutrunst- Eintrag. Wer sich hinterher über Ekel oder Grusel beschweren möchte, kann sich gerne an meinen sympathischen NACHBARN wenden! Wobei ich allerdings nicht weiß, wo sich dieser zur Zeit aufhält.
An Silvester steht die geneigte HausFrau Feli in der Küche und bereitet Verpflegung für lange Feierstunden mit und bei lieben Menschen, als es völlig ausserplanmäßig an der TÜR klingelt. Niemand klingelt ausserplanmäßig an meiner Tür. In Neukölln macht niemand spontane Besuche. Höchstens Werbeblatteinwerfer und die klingeln nich so drängelig. Draußen auf dem Flur meiner vierter-Stock-Hinterhaus-Wohnnung steht ein sehr betrunkener Mensch, der offenbar schon seit langer Zeit heruntergekommen aussieht. Er sieht nicht nur so aus, sondern riecht und klingt auch so. Mein NACHBAR. Den kenn ich schon. Die Stimme. Die Stimme hat in wärmeren Tagen mal morgens um drei Gott gefragt (sehr laut)(im Innenhof), warum der ihn nicht in seine Wohnung reinlässt. Und die Stimme hat bei anderer Gelegenheit zur selben Uhrzeit in denselben Innenhof gekotzt. Mit durchdringender Stimme jammert er, ich solle ihm doch bittebitte diese Flasche (Prosecco, Korken abgebrochen) aufmachen. ("Ham sie n Korkenzieher? Sie mühüssen doch n Korkenzieher ham!!Heuheute is doch Sihilvester!") Brauchter gar nicht so weinen. Ich bin so überrumpelt, dass ich kommentarlos mit Flasche in Hand in Küche zurückwanke und Korken, abgebrochen, entferne. Dabei denk ich so hm, komisch, da is ja Rotwein dran. Is doch Weißwein. Gibts roten Prosecco??! Bis dann in meinem Hirn sich der Gedanke breit macht, dass das natürlich Blut ist. Der Flaschenhals rund um den kaputten Korken ist nämlich abgeschlagen. Als ob ers mit nem Hammer versucht hätte. Hatter wohl auch. Und ist dabei abgerutscht. Und ich seh, dass seine Linke voller Blut ist, als ich die Flasche zurückgebe. Die Tür hatte ich übrigens zugemacht, während ich in der Küche war. Nich, dass der einem noch von Rückwärts um den Hals fällt.("Is ja Sihilvester heute!") Der NACHBAR bedankt sich überschwenglich. Im Anschluß an dieses Intermezzo feiere ich arglos ausserhäusig und im Freundeskreis Silvester. Am Montagnachmittag bin ich bei einer Freundin eingeladen. Beim Verlassen des Hauses bin ich angeekelt von Blutspuren an Türklinken, Wänden, Fenstern und auf der Treppe und denke, da hat dieser widerliche Kerl doch schon wieder seine Flasche nicht aufgekriegt und tropft noch den ganzen Hausflur voll. Bäh. Am Dienstagabend schließlich erwarte ich den Besuch eines Freundes. Natürlich fällt mir eine Dreiviertelstunde vorher ein, dass ich irgendein wichtiges Lebensmittel unbedingt noch besorgen muß. Ich stürze also los, in der Hoffnung, vor dem Freund wieder da zu sein. Im durch-den Hausflur-stürzen stelle ich verärgert fest, dass die Blutspuren immer noch da sind, inzwischen angetrocknet. Ich schicke innerlich diverse Plagen Richtung der Hausmeisterin, welche das Treppenhaus gelegentlich putzt, immer mit Kommentaren garniert, für was alles sie ja gar nicht zuständig sei. Was eine ganze Menge zu sein scheint. Schließlich kehre ich zurück, mit übervoller Tasche auf der Schulter, da mir natürlich noch ungefähr sieben andere wichtige Lebensmittel eingefallen sind, die ich ebenfalls unbedingt brauchte. Ich will- zur Eingangstür Richtung Hinterhof hineinstürzen- geht aber nicht. Innen steht ein Mensch mit einem Klemmblock und beguckt sich interessiert die ebenfalls blutverklebte Türklinke des Haupteingangs. Ich denk -Ha! Der ist von der Hausverwaltung! Endlich nimmt jemand zur Kenntnis, wie schlecht die Tante putzt, die kriegt was zu hören! und komm in den Flur und sag zu ihm -quasi im Konversatiosnton- "ja, eklig, nich'? Und da sagt der Mensch in sehr beziehungsreichem Tonfall zu mir "Wohnen sie hier?" Und ich sag jaja, na klar und will anheben, dass ja schon seit drei Tagen...! Und da sagt der
"Guten Tag, Kriminalpolizei!" und ich steh da wie vom Donner gerührt und sag eehhh,Moment. Und schnappe nach Luft. Und der fragt mich, wo ich genau wohn und ob mir was aufgefallen wär. Und ich schnappe und schnappe und versuche zwischendurch die Geschichte vom ekligen Nachbarn loszuwerden, da guckt der Mensch sehr geduldig und sagt, gehn sie erstmal hoch, die stehen da schon und denen können sies noch mal erzählen. Und ich -immer noch schnappend- durch den verschneiten Hinterhof und zur Hinterhofhaustür wieder rein und die verklebte Treppe hoch. Im Stock unter meiner Wohnung steht die Tür vom ekligen NACHBARN weit offen (aufgebrochen, von Polizei) und davor eine Frau mit nochm Klemmblock und sagt schon wieder "Guten Tag, wohnen sie hier?" und ich bin jetzt am Schnappen von den Stufen und den Einkäufen und immer noch dem Schreck und sag jaja und ich hab grad mit ihrem Kollegen gesprochen. Und dann sagt sie, es hätte einen Mordversuch gegeben. Ich bin so durcheinander, dass ich vergess zu fragen wer denn an wem und außerdem versuch ich mein verqueres Zeitgedächtnis in Ordnung zu bringen und das der Frau mit Klemmblock zu verklickern, nämlich, dass ich weder kriminell noch debil bin und dabei mir kommt alles vor, als ob gleich ganz dringend einer kommen müßte und sagen, neenee, junge Frau, sone Szene spielt man ganz anders. Kommt aber nicht. Statt dessen die Fotografin vonner Kripo die Treppe hoch und mir wird immer beklommener und blasser um die Nase zumute und zum Schluß versucht die Kommissarin einen Witz und sagt mit aufmunterdem Grinsen "schliessen sie ihre Tür gut ab" und ich sag jaha, sie sind gut. Inzwischen hat der längst eingetroffene Freund längst mein Handy gefragt, wo ich denn eigentlich stecke und er stünde bei mir vor der Tür. Ich rufe ihn rauf und er erzählt, dass der Mensch im Eingang ihm gleich die Mütze vom Kopf befohlen hat, auch wohl, weil der Freund teilweise asiatischer Abstammung ist und die Kripo in Neukölln dann gleich denkt, aha,kriminell, oder wasweißich. Komisch. Ich hätt locker sonstwas begehen können, hätt mir niemand zugetraut und halb Neukölln wär schon niedergemäht. Den Rest des Abends texte ich den armen Freund zu mit meinen Bemühungen, Mordversuche in Nachbarwohnungen zu verdauen. Und am nächsten Tag im Chat gleich den damaligen Lieblingsmenschen belegt und alle anderen Freunde, Verwandte,Vaddern, Mutti angerufen: Mamaaa, hier war ein Mordversuch. IchwillnachHause!! Dahin wos grün ist und normal und still und wo, wenn, dann nur Schafe oder Kühe gewaltsam zu Tode kommen Und die tropfen auch nicht im Hausflur rum. Is übrigens noch nich alles weg.
Sagt Frau Feli.

Kommentare:

  1. Na, da hat ja jemand versucht, wie Wolf Haas zu schreiben, hm? :)

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  2. mann frau fehli, schließen Sie bloss die tür immer gut ab!

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  3. meinte natürlich frau feli, nicht fehli! sorry... :-)

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  4. Soviel Text. Solch eine kleine Schrift. Keine Absätze oder so. Das schreckt ab. So was von.

    Okay, das geht nur um die Form, aber die Form ist das erste, was man sieht.

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