22. November 2006

Borat: Es sind immer die Anderen

Ich habe mich jetzt dazu entschlossen zu versuchen, die Diskussionen, die wir in den letzten Wochen über Freundchen Sacha Noam Baron Cohen und seine Auftritte hatten, in einem Eintrag wiederzugeben. Oder so. Ich glaube nicht, dass sich das Thema annähernd gut so kurz zusammenfassen lässt, aber mich beschäftigen die verschiedenen Standpunkte schon sehr.
Die meisten Leute, die ich kenne (Deutsche, größtenteils Akademiker) fanden den Film total klasse. Weil Borat versucht, durch die Klischees, die er selbst entweder zu haben oder zu verkörpern scheint, die Vorurteile anderer, in diesem Fall von Amerikanern, aufzudecken. Die
meisten von Euch werden mich persönlich kennen, denke ich, und daher wissen, dass ich den Film zumindest sehr zwiespältig finde. Ich denke schon, dass Cohen erreicht hat, was er wollte. Aber auf welchem Wege und um welchen Preis, und vor allem: bei welchen Leuten?

Ich will mich auf keinen Fall als Moralapostel aufspielen und ich bin auch der Meinung, dass absolut jeder Vorurteile über irgendwas oder gegenüber irgendwem hat und dass sich das auch kaum vermeiden lässt, was aber keine Entschuldigung sein soll, sich damit nicht auseinandersetzen zu müssen. Ich schreibe zurzeit eine Hausarbeit, die sich mit dem Wesen und dem Ursprung von Humor beschäftigt, und ich denke, dass Humor oft durchaus auf einer gewissen Boshaftigkeit basiert. In den netteren Fällen ist das ja auch mit Zuneigung gemischt. Wenn Humor eine öffentliche Form bekommt, geht es fast immer um Polarisierung und eine klischeehafte Überzeichnung von -oft oberflächlichen – Vorstellungen. Das an sich finde ich auch gar nicht schlimm, denn Humor dient, als soziales Phänomen gesehen, auch als Katalysator, Blitzableiter und ausgleichendes Element. Und ich gebe Cohen und seiner Figur durchaus recht: durch die drastische Überzeichnung von Vorurteilen kann man den unreflektierten Umgang mit ihnen hinterfragen. Natürlich haben die betreffenden Gruppen (seien sie Minderheiten oder auch nicht) selbst das größte Recht, sich über sich selbst lustig zu machen. Der Komiker selbst stammt aus einer teils jüdischen Familie und ist gläubiger Jude.
Natürlich ist es das Recht jeden Einzelnen, sich über seine eigene Religion, Partei, Geschlechtszugehörigkeit etc. lustig zu machen. –Und unter Umständen darf man auch über die Anderen lästern :) . Ich finde aber an dem Film so problematisch, dass Leute als Zielscheibe für Klischees herhalten mussten, ohne vorher die Situation wirklich abschätzen zu können. Und das haben einige von ihnen offenbar auch selbst so empfunden. Was ich bisher der Presse entnommen habe, waren die Gegenüber Borats, mit Ausnahme von Pamela Anderson, vorher nur zum Teil eingeweiht worden. Den Punkt getroffen hat die Satire für mich an den Stellen, wo Borat seine Gesprächspartner bloss anzuticken brauchte, damit sie voller Begeisterung ihre Verunglimpfungen abspulten. Um die hat mir es dann auch nicht so wahnsinnig Leid getan. Zum Beispiel um diesen grässlichen Haufen Stundenten. Sie haben sich für mich schon dadurch disqualifiziert, dass sie eine Klage gegen Cohen und die Produzentenfirma angestrengt haben- und zwar nicht, weil ihnen ihre rassistischen und sexistischen Bemerkungen peinlich waren, sondern weil sie betrunken und beim Ansehen eines Sexvideos gezeigt wurden. Was ja auch viel verachtenswerter ist als ihre Äußerungen. Auf den Fotos der obigen Website lassen die jungen Herren sich mit den verschiedensten Trinkgefäßen bewundern, die wahrscheinlich eine breite Auswahl zurzeit auf dem Markt verfügbarer Fruchtsäfte enthielten. Oder?

Man sollte sich doch, bei allem, was man egal wo und unter welchen Umständen äußert, klar sein, dass der Gesprächspartner möglicherweise gute Ohren und ein gutes Gedächtnis hat, und die Äußerung sich unter Umständen rächen konnte. Was ich auch der Äußerung nicht übel nehme. Ich glaube allerdings nicht, dass das ein allein amerikanisches Phänomen ist, sondern man wird ähnliche Vorurteile in jedem Land -oder auch jeder Region, immer gegenüber den "Anderen", die zahlenmäßig unterlegen sind- antreffen. Und insoweit finde ich es auch gut, wenn solche Stereotypen hinterfragt und parodiert werden. Denn von selbst werden die betreffenden Leute (die mit den Stereotypen) wahrscheinlich nicht anfangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Meine Zweifel betreffen also in erster Linie die Leute, die quasi als Demonstrationsobjekte für Klischees herhalten mussten. Besonders das jüdische Ehepaar hatte mein Mitgefühl. Ich fand es grausam, das ein ja ganz liebevoll um seine Gäste besorgtes älteres Paar nun ausgerechnet und vor allem unfreiwillig zeigen sollte, was für idiotische Vorurteile wir doch oft noch haben. Sei es nun gegenüber den Speisevorschriften anderer Religionen (Koscher?! Schmeckt man das raus?), gegenüber nationalen Minderheiten (Im dänischen Grenzgebiet, wo ich aufgewachsen bin, sind viele Leute fest davon überzeugt, dass man Dänen das Autofahren verbieten müsste.) oder sonst irgendeiner Form von "Anderssein" als man selbst (Ich, als Linkshänder, bin schon mehrfach gefragt worden, ob man dann meine Schrift überhaupt lesen könne, weil Linkshänder ja immer so eine schlechte Handschrift hätten. Jaa, auch das ist ein Vorurteil, meine Lieben.) . Vorurteile an sich sind beklagenswert, wie bereits erläutert, aber man kann ja niemanden ohne sein Wissen dazu veranlassen, an deren Ausräumung mitzuwirken. Schon gar nicht in so drastischer Form.
Eine weitere Frage, die ich mir gestellt habe, war, wer denn eigentlich den Film guckt. Sind das tatsächlich die Leute, die Borat aufs Korn nehmen will? Ich glaube, das Klientel für den Film sind eher diejenigen, die sowieso tendenziell reflektiert denken und reden, und nicht die, die vielleicht hinterfragen sollten, was ihnen so alles über die Lippen kommt. Und selbst wenn einige, bei denen es mit der Reflexion –oder vor allem mit dem Hineinversetzen in Mitmenschen- nicht so weit her ist, „Borat“ ansehen, wie nehmen sie den Film auf? Ich habe nämlich den Verdacht, dass die die Ironie gar nicht erst wahrnehmen und den Film einfach ganz direkt als Lächerlichmachung aller möglichen Minderheiten betrachten und das alles für einen großen Schenkelklopfer halten.
Darüber hinaus kann ich mit Fäkalhumor überhaupt nichts anfangen. Das mag sein, dass die Vermeidung von derartigen Themen im angloamerikanischen Raum auf uns oft doch ziemlich
verkrampft wirkt(und das also eine großartige Zielscheibe bietet). Und ich habe dazu auch eher eine pragmatische Haltung, aber das war für mich doch die Schallgrenze. In welchem Land sind Fäkalien nicht verpönt?! Das hat ja auch ganz praktischen Sinn, von wegen Infektionsgefahr usw. Ein Artikel, der sich u.a. mit dieser Frage beschäftigt, ist einer meiner Lieblingszeitung.
Welche Borat übrigens auch liebt. Und hier noch eine Reihe Fotos zeigt, zur Gedächtnisauffrischung. Dieser Artikel stammt von einer Gruppe kasachischer Studenten in Deutschland. Sie gehören einer Studentenvereinigung an, die Kasachstan als Land in Deutschland bekannter machen will. Die Einwände kann ich zum Teil gut verstehen, zum Teil finde ich ihre Haltung aber auch sehr konservativ. Ich (als Deutsche, das ist bestimmt auch noch mal anders als in vielen anderen Ländern) kann mir schwer vorstellen, mein Vaterland und seine Flagge zu lieben und unsere Bundeskanzlerin oder den Bundespräsidenten zu verehren. Hu, nee. Ich gebe auch zu, dass ich über Borats Reaktion, welche ich dank der bewundernswert fiesen Titanic gefunden habe, still in mich hinein gelacht habe. (Ich war nämlich im Büro.)
Herzlich danke ich Frau K. , die mir die Links zur Netzeitung geschickt hat.

Also, liebe Leser, was denkt Ihr?
Ein Nachtrag ist mir grad noch eingefallen: Wen klischeehafte Äußerungen interessieren, die sich nach meinem und Frau K.s Eindruck im Deutschen schon sehr festgesetzt haben, sollte vielleicht noch einen Blick in unser Phrasikon werfen. Leider gibts sowas inzwischen auch schon als Buch und leider haben wir nicht die Rechte daran.

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