25. Januar 2009

Menschen in Neukölln Teil 14


Gestern abend, mal wieder auf dem Heimweg. Hastig durch die klamme Kälte eilend, schlängelte ich mich an einem Pärchen vorbei, dass trotz des ungemütlichen* Wetters schlendernd in eine Unterhaltung vertieft war. Ich hätte glatt -kennen wa doch- an das hier einzusetzende südeuropäische Lieblingsland denken mögen.

Das Pärchen, wenn es denn eins war, kannte sich wohl noch nicht so lange, denn so sagte

er zu ihr:

"Aber machst du Filme nicht auch, um Selbstbestätigung zu bekommen?"
(...)

Die Unterhaltung setzte sich nicht weiter ungewöhnlich fort, zurück blieb (bzw. voraus eilte, mir war nämlich wirklich kalt) eine
verwirrte Frau Feli. Ein Abend in Neukölln, und was sieht man? Studenten, ausländische Touristen, aufstrebende Jungunternehmer mit wirren Frisuren, Menschen in lila Pullundern und Chucks mit Schachbrettmuster. Alkis, junge Unholde jeglicher Couleur auf Ärger aus herumstrolchend, Kranke, Arme und Vergessene, where art thou?!

Sie sind schon noch da, und wo sollten sie sonst auch hin. Aber sie bekommen ein gewisses Gegengewicht aus unerwarteter Richtung. Die Richtung ist Nordost. Mitte, wenn nicht Prenzlauer Berg. Wem Kreuzberg zu teuer wird, der kommt hierher. Ob ich das gut finde? Ja, so lange die Mieten nicht so sehr steigen, dass ich - und die Vergessenen- sie nicht mehr zahlen kann. Natürlich ist es nett, wenn das Straßenbild bunter wird und plötzlich um die Ecke vietnamesische Nudelküche und hübsche kleine Cafés mit alten Sofas eröffnen. Aber nicht so nett ist es, wenn man von Nachbarn hört, dass die bisherigen Bewohner aus den alten Wohnungen vertrieben werden, damit das Haus in eine elegante Eigentumswohnungsplantage verwandelt wird.
Es müßte doch möglich sein, alle unter einen Hut zu bekommen, Alkis und Unternehmer. Oder so.


*Eine Neuseeländerin verkündete mir einmal, dass "ungemütliches Wetter" eine ihrer liebsten deutschen Redewendungen sei, weil ihr einfach keine passendere Beschreibung für Berliner Winterwetter einfiele. Hm. Wie habe ich das zu verstehen? Wahrscheinlich gibt es in Neuseeland zu selten ungemütliches Wetter. Und wenn, dann vermeidet man wahrscheinlich, das Haus die nächsten paar Tage zu verlassen. Es sei denn, man will unbedingt den Roaring Fourties trotzen. Dem blanken Hans würde ich als native Küstenbewohner wohl sagen.

1 Kommentar:

  1. diese entwicklung ist unglaublich oder? über silvester war ich ganz erschrocken wie viele cafes (tatsächlich cafes, nicht kneipen) eröffnet hatten.
    ich glaube sogar einen club gesehen zu haben. hätten wir nie wegziehen dürfen? werden wir die mieten bei der rückkehr noch zahlen können? die gleiche entwicklung hab ich damals in friedrichshain beobachtet. innerhalb von drei jahren waren sämtliche alkis und alte menschen spurlos verschwunden. ersetz wurden sie von partyhungrigen 18-jährigen trendhuren, deren eltern die auf einmal horrenden mieten zahlten.

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