4. September 2009

Die Bullerbü-Psychose

weitere Fotos von FrauFeli

Da meine Cousine mir soeben eröffnet hat, dass sie mit dem Gedanken spielt, selbst ein Blog zu schreiben, fühle ich mich hiermit zu einem neuen Eintrag inspiriert.

Wir sind schon seit unserer Kindheit befreundet und blicken daher auf eine Vielzahl erfreulicher (für uns) und unerfreulicher (für unsere Umwelt) Erfahrungen zurück. Wir sind, trotz großem geographischem Abstand, in ähnlichen Umfeldern aufgewachsen und haben häufig ähnliche Sorgen, meistens finanzieller Natur.

In unserer heutigen Unterhaltung kamen wir zu dem Schluss, dass wir unter einem schweren, wenn nicht sogar genetischen, dann auf jeden Fall seelischen Schaden leiden, der uns glauben macht, unser Leben sei nur dann perfekt, wenn es näherungsweise dem Universum des inoffiziellen Familienidols Astrid Lindgren gleiche. Zwar nahm unsere Unterhaltung einen kurzen Umweg über das Armenhaus in "Michel aus Lönneberga" (eine Schilderung, die uns heute noch zu Tränen rührt, wie wir feststellen mußten), doch waren wir uns einig, dass wir als Kinder ein Ideal eingeimpft bekamen, dass uns bis auf den heutigen Tag anhängt.

Gefühlt wohnen wir in farbig gestrichenen Holzhäusern mit Lochstickerei-Gardinen und Veranden, auf denen der blinde Großvater im Schaukelstuhl vor sich hin sinnt. (Was ja an sich schon mal zwei identische Großväter erfordert.)

Im Sommer würden wir angeln (in der Hoffnung, nichts zu fangen, da sich sonst das Problem des Fische-vom-Leben-in-den-Tod-beförderns stellen würde) oder wir jagten Onkel Einar, der Katzen Büchsen an den Schwanz bindet (Kalle Blomquist) und fürchteten uns vor Gespenstern im Waschhaus (Madita). Wie man sieht, basiert der vorhergehende Absatz auf der Annahme, dass wir selber uns noch im Kindesalter befänden. Da dies aber, äh, schon seit längerem nicht mehr der Fall ist, sollten wir das Szenario entsprechend anpassen:

Wir wären also die Muttis des Bullerbü-Kosmos (aufgrund eines kleinen Irrtums hätte ich beinahe Labyrinth geschrieben..), und würden weiße Schürzen über den gestreiften Kleidern tragen und den ganzen Tag singen. Wir würden für jeden ein gutes Wort haben und wenn wir nicht gerade Marmelade einkochen oder Fleischklösschen braten (Karlsson vom Dach), dann verarzten wir aufgeschlagene Knie und basteln mit allen Kindern zusammen am Küchentisch.

Und Weihnachten, oh, Weihnachten (typische Lindgren-Formulierung), das wäre die großartigste Zeit im Jahr. Wir stünden fast ununterbrochen in der Küche um dort die wunderbarsten Pfefferkuchen, Gans mit glasierten Kartoffeln und Reispudding in dem eine Mandel versteckt ist (Weihnachten auf Bullerbü)zuzubereiten. Und dann würden wir alle zusammen um den riesigen Christbaum tanzen.

Wir könnnten einige der heutigen Annehmlichkeiten, wie Waschmaschine und Zentralheizung geniessen und natürlich müssten die Papas sich beteiligen an den Aufgaben. Und ausserdem hätten wir eine Arbeitsstelle in der Stadt, und es gäbe wohl auch ein Auto. Natürlich auch völlig ungedenk der Tatsache, dass zumindest ich bis jetzt weder Ehemann noch Kinder vorweisen kann und ich mich also vorläufig auf den Bau und das Einrichten des kleinen blauen Hauses konzentrieren könnte (da die Möbel zu einem nicht unwesentlichen Teil aus einem großen schwedischen Möbelhaus stammen würden, wäre ich damit auch einige Zeit beschäftigt).

Die Schöpferin dieser magischen Erzählungen hatte genauso eine Büroarbeit in der Stadt und eine kleine Wohnung und einen viel prosaischeren Alltag als man vermuten möchte.

Dies alles umfasst unsere Bullerbü-Psychose, deren Problem in der Diskrepanz zwischen dem angelesenen (bzw. an-vorgelesen-bekommenen) Ideal und der rauhen Wirklichkeit einer vollen U-Bahn nachmittags um sechs liegt. Unser ganzes bisheriges Leben und auch unser ganzes zukünftiges werden wir beschäftigt sein, diese Psychose in unser Ich zu integrieren, diese Abwesenheit von weißen Holzveranden in unserem Leben. Was hätten wir ohne die Bücher von Astrid Lindgren gemacht? Wahrscheinlich wären wir heute Drogensüchtig und/oder Terroristen geworden. Oder wir hätten eine andere Psychose entwickelt.

Allerdings fällt mir dazu auch eine Passage aus den Lebenserinnungen Astrid Lindgrens, "Das entschwundene Land" ein, in der die Autorin die Liebesgeschichte ihrer Eltern beschreibt. Sinngemäß sagt sie, dass sie nur eine so wunderbare Kindheit haben konnte, weil ihre Eltern eine so positive Haltung zum Leben verkörpert haben und diese den Kindern mit auf den Weg gegeben haben.

Astrid Lindgren selber hatte kein sehr einfaches Leben, und ich glaube, das wirklich bewundernswerte ist, durch Hochs und Tiefs diese positive Grundhaltung immer wieder aufzunehmen, auch wenn sie zeitweise verloren gehen mag.

Kommentare:

  1. auch ich mag astrid lindgren, doch sollte man sie nicht mit der begrifflichkeit "PSYCHOSE" in verbindung bringen. liebe frau feli, deshalb liegt es mir nahe ihnen www.denkausbruch.de mal anzusehen. dort finden sie aktuelle nachrichten und info´s u.a. zur psychose.
    mfg andreas

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  2. Mit psychologischen Fachbegriffen kenne ich mich nicht aus; mir gefällt der Begriff Bullerbü-Psychose. :-)

    Stimmt, es ist schon interessant, wie man durch diese Bücher (und Filme) geprägt wird. Mir geht es immer so, dass ich ein gewisses Heimatgefühl verspüre, wenn ich mal nach Schweden komme und diese malerischen Holzhäuschen sehe. Prägung im Kindheitsalter... Wird man nie wieder los... Eigentlich sollte ich jetzt Pfefferkuchen backen... ;-)

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  3. @andreas Sorry, hier ist lange nichts passiert auf der Seite, aber ich versuche, das jetzt wieder aufleben zu lassen. Es ging mir keinesfalls um eine Verunglimpfung von Psychotikern oder ähnlichem. Ich habe nur eine griffige Formulierung gesucht, um dieses (natürlich übertriebene) Kindheitsdrama auf den Punkt zu bringen.

    @Barbara: Danke! Ich war leider noch nie in Schweden, dass muß ich noch mal nachholen. Genau das meinte ich mit der "Bullerbü-Psychose": Man entwickelt Idealvorstellungen, die man nie so richtig erreichen kann. Man müßte sie, wie am Schluss angedeutet, mehr in die eigene Lebenswelt integrieren.

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