15. September 2010

Ein roter Milan

Wenn ich früher meine Großmutter besucht habe, bin ich oft mit ihr in den Feldern außerhalb des Dorfes spazieren gegangen.

Dabei haben wir uns meistens über das unterhalten, was um uns herum passierte, die Tiere und Pflanzen, die wir sahen. Manchmal wies meine Großmutter mich darauf hin, wenn sie einen Greifvogel am Himmel sah. Dunkle Silhouetten, die gemächlich große Kreise zogen und unvermittelt herabschossen, einer Maus hinterher jagend.
Besonders die roten Milane hatten es ihr angetan, sagte sie. Weil sie selten seien, und weil sie zwischen den anderen Vögeln sofort auffielen.

Als wir zwischen den Feldern standen und unseren Blick über die Ebene zum Horizont schweifen liessen, zeigte sie auf einen Milan, dessen Umriss sich vor dem blendenden Sommerhimmel abzeichnete:

"Wenn ich mal tot bin, und du siehst einen roten Milan, dann weißt du, dass ich das bin."

Und jetzt, jedesmal wenn ich einen Greifvogel sehe, hoffe ich, dass es ein roter Milan ist.

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