9. September 2010

Über Essen: Liebe und Hass, Teil 1




Der Film: "Delicatessen" von Jean Pierre Jeunet, einer meiner absoluten Favoriten.

Ich bin ja mitunter heikel, was Essen angeht. Innereien, zum Beispiel, können mich nur eingeschränkt begeistern. Da ich andererseits ein grundsätzlich neugieriger Mensch bin, probiere ich aber neue oder ungewöhnliche meistens Nahrungsmittel aus. Dass ich Herz nicht mag, entschied ich, nachdem ich in einem japanischen Grillrestaurant ausgiebig auf einem herumgekaut hatte. Es schmeckte so lebendig.

Mein Sportlehrer in der Oberstufe (klein, untersetzt) war mit einer Brasilianerin verheiratet (klein, zierlich). Beide hatten eine Tochter, die (oh, Gene!) so winzig war, dass sie wie die Puppenversion eines Kleinkindes wirkte. Gelegentlich brachte der Sportlehrer seine winzige Tochter mit zum Unterricht und legte damit jede Aktivität im Kurs lahm. Riesige Basketballspieler beugten sich fasziniert über das winzige Mädchen, das seinen Kopf in den Nacken legte, um sie anzuschauen.
Bei einem der Male brachte er eine Tüte aus Brasilien stammende, geröstete und mit Schokolade überzogene Ameisen mit. Der Reiz war einfach zu groß, ich mußte sie probieren. Es hatte den Lehrer schon einige Überzeugungskraft gekostet, bis wir ihm glaubten, dass wir echte Ameisen vor uns hatten und keinen seltsamen Faschings-Scherz. Fast war ich enttäuscht: Die Ameisen schmeckten nach nicht viel, außer nach Schokolade. Ziemlich knusprig. Aber ansonsten unspektakulär.

Ganz anders sind meine Kindheitserinnerungen an meine Großeltern. Meine Oma kochte eigentlich nicht gern, und daher auch nicht besonders gut. Sie lag lieber auf dem Sofa, las kitschige Romane und aß Unmengen Mon Chérie, After eight und Ferrero Küsschen. Die Papierchen, in die die Süßigkeiten gewickelt waren, fanden wir noch Jahrzehnte später beim Saubermachen in den Sofaritzen.
Aus Kochunlust wärmte meine Oma also Dosengemüse auf und rührte dicke Saucen mit Fertigpulver an. Das alles konnte man wahrscheinlich unter "gut bürgerlich" verbuchen, es war eben nur sehr phantasielos. Einmal war meine Oma zutiefst beleidigt, als meine Mutter eine Knoblauchzehe in den Topf mit dem Sonntagsbraten schmuggelte und das Urteil meines Opas (auf den Tisch schlagend und mit vollem Mund) daraufhin lautete: "Mensch, Frau! Schmeckt mal gar nicht schlecht!". Seine Frau mit "Frau" anzusprechen entsprach dem Humor meines Opas.
Wenn meine Oma frische Zutaten verwendete, so kamen diese aus dem Schrebergarten meiner Großeltern. Oder vom Schlachter. Der Schlachter war nämlich ein Freund meines Opas. Da mein Opa in einem anderen Zeitalter, bevor ich geboren war, Elektriker gewesen war, half er dem Schlachter-Freund mitunter mit seiner Kühlanlage. Für die inoffiziell abgewickelten Dienste wurde mein Opa in Naturalien entlohnt, was hiess, dass er völlig absurde Mengen von Fleisch jeder erdenklichen Herkunft in rosa Papier eingeschlagen überreicht bekam.

Die Besonderheit für mich bestand darin, dass ich zu diesen Ausflügen in die Schlachterei mitkommen durfte. Der Betrieb befand sich auf einem ehemaligen Bauernhof, am Stadtrand von Lübeck gelegen, und gehörte einer Familie, deren Mitglieder von der Großmutter bis zum Enkel alle irgendwie mit in die Arbeit eingebunden waren. Die Familie war sehr stolz auf ihre Schlachterei und darauf, dass sie noch selber schlachteten und alle Erzeugnisse selbst herstellten. Im Hof befand sich ein ehemaliger Schweinestall, in dem die -nunmehr toten- Schweine zu Würstchen verarbeitet wurden. Ich fürchtete mich ein bisschen vor dem flachen dunklen Bau, in dem noch leerstehende Koben zu sehen waren, von deren Decke nackte blassrosa Schweinehälften hingen.

Offenbar wurde ein Teil des Schweinefleischs eingepökelt, denn ich kann mich an Wannen aus Weißblech erinnern, die die Salzlake und die Fleischstücke enthielten. Die Wannen waren so flach, dass auch ich mit meinen sechs Jahren hinein blicken konnte. Wie gebannt starrte ich herab auf das aufgequollene Fleisch, an dem ich noch leere Augenhöhlen und haarlose Schnauzen ausmachen konnte. Gesteigert wurde mein Grusel nur durch die Schlachterin selbst, die in einer weißen Gummischürze auf mich zu kam, um sich aus ehrfurchtgebietender Größe zu mir herab zu beugen. Ihre von der Lake krebsroten Hände steckten in Gummihandschuhen, und mit der Rechten hielt sie mir ein gepökeltes Schweineohr entgegen: rosa-weißlich lappte es zwischen ihren Fingern und glänzte noch feucht.
Mit dröhnender Stimme pries sie mir diese besondere Delikatesse an, eine Ehre für mich, die ich nur geniessen durfte, da ich so einen hilfsbereiten Großvater hatte. Nie habe ich die Freundschaft meines Opas mit dem Schlachter mehr verwünscht. Ich glaube, ich bin einfach zur Salzsäule erstarrt, passender Weise.

Im nächsten Kapitel: Pferde.


Das ist ein Cliffhanger, was?

Kommentare:

  1. Michael Grube09.09.10, 08:52

    Ha, sehr schön! Meine frühkindlichen Erfahrungen mit der Schlachterei erschöpften sich darin, dass ich halt immer beim Einkaufen mit meiner Mutter eine Scheibe Mortadella kredenzt bekam - oder Kinderwurst, wie man damals so unangenehm zweideutig sagte. Das nahm dann meine Mutter immer zum Anlass das übliche "Sag danke!"-Training zu verschärfen...

    Aber lecker war die Wurst trotzdem.

    Übrigens wurde meine Schwester später Fleischereifachverkäuferin und hatte dann ihre eigenen Gruselgeschichten zu erzählen.

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  2. Hach, der Michi in meinem Blog! Hallo! Und danke!
    Ja, die "Kinderwurst" kenne ich natürlich auch noch. Die gabs immer, wenn ich mit meinem anderen Opa einkaufen gegangen bin.

    Und, äh, Fleischereifachverkäuferinnen..da kann ich gruselmäßig eher nicht mithalten. Aber ist ja auch ganz schön, sich in gewissen Dingen seiner Unwissenheit hinzugeben.

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