26. November 2010

Über Essen: Liebe und Hass, Teil 2

Pferde.
Ein kurioses Detail im Leben der Schlachterfamilie war, dass sie Pferde hielten. Zum Spaß, nicht zum Essen. Die Schlachterfamilie hatte mindestens drei Kinder, die den ganzen Tag draußen waren und immer Reitstiefel und schlammbespritzte, alte Trainingshosen trugen. Ich war sehr neidisch auf dieses wilde, freie Leben, obwohl mir die Kinder und ihre Pferde auch unheimlich waren.

Ich wuchs zwischen den Regalen einer Kleinstadt-Buchhandlung auf, wo ich viel Zeit damit verbrachte, alle Arten von Texten in mich auf zu saugen. Meine Abenteuer bestanden darin, gelegentlich in Nachbars Garten von einem Baum zu fallen (erlaubt, vom Nachbarn, dagegen nicht von meinen Eltern), mit den vier Töchtern des Nachbarn über Zäune im Schrebergartengelände zu klettern (auch unerlaubt) und mir im Freibad den Hals nach älteren Jungen zu verrenken (die sich nicht für zehnjährige kleine Mädchen interessierten).

Aber Pferde und Schlachthöfe gehörten definitiv nicht zu meinem typischen Umfeld. Die Kinder der Schlachterfamilie lebten quasi draußen, immer in der Nähe ihrer Pferde und immer irgendwie mit ihnen beschäftigt. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals ein anderes Thema gegeben hätte. So fand ich mich bei einem Besuch zu meinem Entsetzen plötzlich in der Mitte einer verschlammten Koppel wieder, um mich kreisend ein schmutziger Schimmel an einer Longierleine. Auf dem Zaun saßen die Schlachterskinder und ihre neugierigen Freunde und schrien mir zu, wie ich es bewerkstelligen sollte, mittels einem Anlauf und einem gewagten Sprung den um den Bauch des Schimmels geschnallten Voltigiergurt zu packen und mich auf den Pferderücken zu schwingen. Dass ich das tatsächlich geschafft habe, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich muss einen unvermittelten Anfall von Mut gehabt haben.

Weitaus faszinierender fand ich die Geburt von Kurt. Kurt war ein Fohlen, dass auf dem Schlachterhof zur Welt kam. Lange hatte die Familie die trächtige Stute bewacht und gerade als ich wieder einmal zu Besuch kam, war Kurt geboren worden, nur Minuten vorher. Eine ganze Reihe Leute waren in dem Pferdestall versammelt und verfolgten, auf die Boxeneinfriedung gestützt, das Geschehen. Das Fohlen lag im Stroh, noch feucht, und wurde von seiner Mutter beständig angestupst, damit es endlich aufstand. Leider war Kurt kein langes Leben beschieden, denn kaum war ausgewachsen, starb er an Darmverschlingung.

Mein Großvater war immer besorgt, dass seine Enkelinnen durch das ständige Lesen verweichlicht werden könnten. Da er zu seinem Leidwesen weder Söhne noch männliche Enkel besaß, wurden meine ältere Schwester und ich zum alleinigen Ziel seiner Idealvorstellung von unabhängigem, mutigem Nachwuchs. Wer heulte, war eine Memme und wer drinnen sitzen und Lesen wollte, ein armseliger Streber. Aber die Schlachterskinder und ihre Pferde hatten es meinem Großvater angetan. Sie entsprachen genau seiner Vorstellung und kamen dem nahe, wie er selbst aufgewachsen war: Auf einem Kleinstbauernhof in Schlesien, ohne Vater. Insoweit war es natürlich mein kleiner, dicker Großvater in seinem ewig selben grauen Pullover und den unförmigen Hosen, der mit Kopfschütteln verfolgte, wie seine verschreckte Enkelin zwischen den wilden Landkindern versuchte, möglichst wenig aufzufallen.

Bei einer anderen Gelegenheit wurde ich ins Haus geholt, weil das Familienoberhaupt mich kennenlernen wollte. Nervös darüber, was mich wohl erwartete, fand ich mich allein in einem großen Eckzimmer des Hauses wieder. Ein Erker überblickte die Felder außerhalb Lübecks, die Aussicht fiel direkt auf die Pferdekoppel, wo der kleine - und noch lebendige - Kurt Bocksprünge machte. Der Raum, wie auch das gesamte Haus, war dem Thema Pferde gewidmet. An den Wänden Kupferstiche von Pferden, Fotos von Kindern auf Pferden, Stammbäume von Pferden und in den Regalen Bücher über Pferde. In dem Erker stand ein Schreibtisch, auf dem die Skulptur eines stolzen Hengstes mit aufgebäumtem Hals thronte. Sie beeindruckte mich allermeisten. Ich war in den Anblick so vertieft, dass ich nicht merkte, wie die Hausherrin hereinkam und sich mir näherte. Als sie mich fragte, warum ich die Skulptur so intensiv betrachtete, erschrak ich fürchterlich. Sogleich überlegte ich, ob ich vielleicht etwas ungehöriges getan hatte. Aber sie wollte nur genau wissen, was mich an dem Pferd denn so beeindrucke. Völlig verwirrt darüber, dass ein Erwachsener ernsthaft an meiner Meinung interessiert schien, stotterte ich eine Antwort.

Die alte Dame war dunkelhaarig, schlank und hielt sich sehr aufrecht. Die Statur einer typischen Reiterin hätte ich mir denken können, wenn ich es damals gewusst hätte. Und sie war sehr respekteinflössend, preußisch geradezu in ihrer Strenge, und trotzdem nicht unfreundlich. Ich war aber viel zu nervös um viel von der Freundlichkeit mit zu bekommen.

Die Welt auf dem Schlachtershof war eine völlig fremde für mich. Sie sah nicht nur anders aus, als das was ich kannte, sie roch und klang auch anders. Die Leute hatten ein anderes Verhältnis zum Tieren, zu Schmutz und zu Essen. Und vor allem, was die Verarbeitung kürzlich getöteter Tiere zu Esswaren anging. Ich kannte Würstchen, Hackfleisch und Hähnchenschnitzel. Alles, was noch zubereitet optisch eindeutig an Lebewesen erinnerte, ekelte mich an. Schon ein ganzer Braten oder ein gebratenes Hähnchen entsetzten mich. Dass meine Großmutter mir einmal ein Stück fette Schweineschwarte (und bestimmt stammte diese aus der bekannten Schlachterei) zum Naschen gab, hat mir nur deshalb keine Übelkeit verursacht, weil sie äußerlich nicht mehr an Schwein erinnerte und ich daher nicht wusste, woran ich herumnagte. Essen außerhalb meines Zuhauses machte mir Angst, der Aufenthalt bei meinen Großeltern machte mir ebenfalls Angst und Essen bei meinen Großeltern war am Gefährlichsten.

Kommentare:

  1. Ja, was sind wir doch für verweichlichte Wohlstandskinder, nicht wahr? Da wird nicht mehr zuhause geschlachtet, man reißt sich nicht mehr per Hand eine Keule aus dem Braten und am besten ist es eigentlich, wenn man das Fleisch aus einer vakuumversiegelten Verpackung in die Pfanne knallen kann.
    Mir geht es im Grunde ähnlich. Ich glaube, meine Mutter wurde als Kind extrem mit Fleisch zugeschmissen - so die Braten in Doppelfettstufe nach dem Krieg, wo man eigentlich alles aß, Hauptsache, es machte dick. Und daher war sie dann als Erwachsene auch nicht dazu zu bewegen, uns mit so was zu belasten. Von ihr habe ich die Manie, an Fleisch so lange herumzusäbeln, bis auch wirklich kein Gramm Fett oder Nerven, Sehnen, etc. mehr zu sehen ist.
    Insgesamt hat meine Mutter mich wohl in eher sehr wenige Lebensmittel eingeführt. Daher wirke ich auf anders sozialisierte Leute heute eher pingelig. Meine Frau zum Beispiel ermahnt mich oft, Speisen doch wenigstens zu probieren, oder wenigstens wenn die Kinder da sind, damit wenigstens die nicht so schwierig werden und einen ordentlichen Geschmack entwickeln.

    Und Recht hat sie.

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  2. Lieber Michi,
    schöner Kommentar! Ja, es ist schon krass, wenn man bedenkt, wie verwöhnt wir sind heutzutage..aber zumindest bin ich überzeugt davon, dass es das früher auch schon gegeben hat. (Die feinen Leute, die nur Schwanenbrüstchen gegessen haben etc.) Und beim Kochen selbst habe ich auch weniger Vorbehalte gegen seltsame Bestandteile (Innereien, Sehnen, Knorpel..), nur beim Essen geht das gar nicht. Ich habe schon ein schlechtes Gewissen dabei, weil ich an sich denke, es ist einfach vernünftig und nachhaltig, ein Tier so weit zu verwerten wie möglich. Aber man kann ja auch nicht immer Suppenfond kochen aus allem, was man nicht mag.
    Und ja, das geht auch auf meine Mutter zurück, die als Kind ständig mit Essen genervt wurde, weil sie so klein und dünn war. Aber ich rechne es ihr hoch an, dass sie uns beigebracht hat, dass man alles neue zumindest probieren sollte. Und meistens halte ich mich auch dran: Ich habe Innereien immerhin schon mal probiert..! (Wobei es dann auch blieb, ähem.)

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