26. April 2013

Die schönste Leiche Italiens oder was Venedig und Berlusconi gemeinsam haben (Teil I)

Dieser Text ist eigentlich schon älter, da ich ihn aber nur handschriftlich (!) in ein Notizbuch geschrieben hatte, verschwand er still und heimlich aus meinem Gesichtsfeld. Neulich fand ich ihn wieder, und da ist er nun, leicht angepasst, erweitert und glattgeschmirgelt.


I

Ich glaube, die Venezianer hassen die Touristen ein bisschen. Das haben sie mit den Berlinern gemeinsam. Leute (wie mich, zum Beispiel), die hingerissen das Postboot anstarren und kichernd durch das Hochwasser waten, die die zahlreiche schmalen Durchgänge und Gassen verstopfen, weil sie fortwährend fotografieren.
Venedigs morbide Schönheit wird zurecht häufig zitiert. Die Stadt strahlt viel von der Faszination einer kunstvoll aufgebahrten Mumie aus und sie verwest nichtsdestotrotz weiter, wenn auch voll Eleganz. Anders als Berlusconi, wie ich finde, um den Titel des Eintrags aufzugreifen. Die Stadt liegt in der Lagune wie die kunstvoll aufgebahrte Leiche eines Heiligen in einer Kirche. Ich musste an diesen hier denken, der zwar möglicherweise Italiener war, allerdings als Katakombenheiliger schon länger außer Landes weilt. Aber Venedig ist nicht nur eine schöne Leiche, sondern auch ein Wald aus Stein. Das war mein erster Eindruck: Es gibt in dieser Stadt kaum Grün. Höchstens in Form von Gärten, hinter hohen Mauern erahnbar, oder als ramponierte Rasenfläche vor der Universität.

     
                                                                                   

II

Venedig als Idee verkörpert die Philosophie der Renaissance: Menschen erschaffen etwas allein auf der Basis eines Gedankenkonstrukts. Ein Beweis der Macht menschlichen Willens. Auch wenn ich natürlich im Reiseführer gelesen habe, dass die Lagune schon viel früher besiedelt wurde und sicher nicht mit der Absicht, etwas unwahrscheinliches zu beweisen. Seit Jahrhunderten wird Venedig totgesagt, der Untergang steht dauerhaft unmittelbar bevor: La Serenissma versinkt, verdünnisiert sich wieder im Meer. Und doch ist es immer wieder nicht soweit. Wer weiß, vielleicht würde Venedig ohne die ganzen Touristen jetzt sofort untergehen. Wie mein Bücherregal, dass vor allem durch die Last der darin befindlichen Bücher nicht umkippt, wenn es auch unter ihnen fast zusammen zu brechen scheint. Touristen sind sozusagen der Mörtel und der Schimmel Venedigs in Personalunion. Eine Stadt, die sich auf einer sehr kleinen Fläche erhebt und ursprünglich auf Sand gebaut ist, auf einer Sandbank. Eigentlich wie Sylt, nur zugebauter. Und auf Pfählen. Aber wir wollen nicht kleinlich sein mit den Vergleichen.

III


Kirchen, die als Zentralbau angelegt sind, wie diese hier (auch oben im Bild), haben an sich weder einen Eingang noch einen Ausgang- jede Pforte sprengt das Prinzip des Kreises. An die Rundung angepasste Kirchentüren und -portale habe ich noch nie gesehen. Insoweit sprengt natürlich jeder Zentralbau das Prinzip des Kreises, weil er eben Portale usw. besitzt. Das ist vielleicht doch keine so bahnbrechende Überlegung, wie ich beim Anblick der Kirche dachte. Hm.

IV


Das Klischee zeichnet Italiener als Menschen mit Lebensart, die das Dasein genießen. Venedig ist voller hastig vorbei eilender Italiener mit grauen Gesichtern, die deprimiert oder genervt wirken und die sich vor allem schnell von Ort zu Ort bewegen, um (im November) nicht mehr zu frieren als nötig.
Wahrscheinlich stimmt das Klischee einfach nicht. Stimmen Klischees jemals? Und worauf basierend entstehen sie eigentlich?

V

Das Teatro la Fenice ist wunderschön, aber nur so lange man sich auf den großen Saal konzentriert. Alles andere wurde eben doch nicht so historisch genau wieder aufgebaut. Wie sollte man auch? Welche Stadt kann heute noch Handwerker bezahlen, die jede Stuckrosette, jeden Wandfries einzeln per Hand herstellen? Verlässt man den Theatersaal mit den opulenten Deckenmalereien, Kronleuchtern und dem schimmernden Samt, fällt auf, wie oberflächlich das Opernhaus wieder zusammen geschustert wurde. Die Stuckfriese, die die Wände zur Decke hin abgrenzen, sehen ein bisschen nach Baumarkt aus, hinter den Fußbodenleisten lugen Kabel hervor. Alles ein bisschen Disney, alles ein bisschen modern gammelndes Venedig.

Die allermeisten Gäste kamen erst in den letzten Minuten ins Theater. Touristen, die sich spontan für das Konzert entschieden, nehme ich an. Wir haben nämlich dasselbe getan. Es hat was elektrisierendes, wenn ein Freund an einer Litfaßsäule stoppt und sagt, hey, wir könnten jetzt ins Konzert gehen. Und schon sitzen wir drinnen und wussten kaum, wie uns geschah.

                                                                                 


VI

Das Essen in den Restaurants ist grauenhaft, wenn man sich von auffälligen Schildern leiten lässt und großartig, wenn man 1. das Glück hat, gute Tipps zu bekommen und 2. eine Spürnase hat. (Wie wir. Beweis links.) Einen wesentlichen Anteil seiner Künstlichkeit bezieht Venedig daraus, dass pro Tag, pro Stunde quasi, eine unfassbare Menge von Touristen durch die Stadt geschleust werden. Und jedes Restaurant, fast jedes Geschäft und jedes Museum sind auf die Touristen ausgerichtet, und das wird besonders beim Essen deutlich. Und trotzdem übt die Stadt, wie sie im Novembernebel daliegt, eine große Faszination auf mich aus. Venedig schweigt im November, und das sehr beredt. Es gibt viele Momente, in denen ich auf meinen Wegen völlig alleine auf den Brücken stehen bleibe, mich in engen Durchgängen verliere und mich plötzlich auf dem kleinen Platz zwischen einem Marmordenkmal und einer Linde wieder finde, wo ich begonnen hatte.

VII


Ein Einzelzimmer im Hotel ist genauso teuer wie ein Doppelzimmer. Das ist ein Zustand, den ich als Single anprangere. Die Pension gehört einem Ehepaar mit Papagei. Er sitzt auf einer Stange neben der Eingangstür und beobachtet das Geschehen auf der Straße durch die große Fensterscheibe: eine Art Wachhund, nur in bunt. Manchmal macht er leise schnarrende Geräusche und rückt ein bisschen auf der Stange hin und her. Er kann auch ein paar Worte sprechen, aber meine paar Brocken Italienisch reichen nicht zum Papageienverstehen. Ich hatte auch nicht die Muße, mich lange genug neben ihn zu stellen, um seine Worte aufzuschnappen. Ich habe ihn erst richtig gesehen, als er sich bewegte. So exotische Tiere nehme ich wahrscheinlich selbstverständlich als künstlich an.



VIII

Die Heizungen sind mir suspekt. In meiner Pension zumindest stehen keine Zahlen an den Thermostaten der uralten Heizkörper. Ich als Deutsche engagiere im Geiste sofort ein Heer von Installateuren um diesen Missstand zu beheben. Kann ja nicht angehen, ts. Es ist außerdem grässlich feucht-kalt, völlig der Jahreszeit angemessen und spürbar bis ins Knochenmark. Wahrscheinlich sind im Laufe der Geschichte viel mehr Venezianer an den Folgen von Rheuma (kann man überhaupt an Rheuma sterben? Nun. Dies ist kein Medizin-Blog.) gestorben als an der Pest. Auf dem Bild rechts ist übrigens eine Art elektrische Mückenabwehr zu sehen, wie man mich später aufgeklärt hat. Denn natürlich hat Venedig auch im November noch Mücken in eindrucksvoller Größe zu bieten. Unter die Lamellen dieser Apparatur werden ominöse Pappkärtchen geschoben, die noch ominösere Chemikalien im Zimmer verdampfen und die Mücken abhalten/sterben/kichern lassen sollen. Da ich das alles ja noch nicht weiß, steige ich Nachts mit dem Stadtführer (Michael Müller Verlag! Sehr zu empfehlen! Bekomme ich kein geld für! Leider!) bewaffnet den venezianischen Mücken hinterher und könnte schwören, sie kichern bestimmt. Die schicke Plastiktischdecke gehört natürlich zur Pension mit dem Papagei.

                                                               


IX

Der Dogenpalast

Der Dogenpalast ist eine gewaltiger Speicher von Bürokratie aus einer Zeit, von der man glaubt, es hätte noch keine Bürokratie gegeben. Das dunkle Innere hat eine erdrückende Wirkung, die zahllosen Säle hintereinander gereiht, Gänge, Treppen, Zimmer, Kammern. Alles mit dunklem Holz getäfelt, zum Teil mit Wandbehängen und Intarsien, riesige Gemälde. Das graue Tageslicht dringt kaum bis ins Innere. In der Sala del Maggior Consiglio, dem Saal des großen Rats, zeigt ein Fries oben unter der Zimmerdecke die Porträts sämtlicher Dogen. Aus der Höhe schauen sie streng auf die Besucher herab. Darunter fällt ein Gemälde auf, auf dem der Porträtierte mit einem schwarzen Tuch übermalt ist. (Wie oft schon wollte die Leute gerade seine Geschichte hören?) Er wurde hingerichtet, weil er korrupt war. Wahrscheinlich eher, weil er jemandem im Weg war oder zu offensichtlich erwischt wurde.




1 Kommentar:

  1. soll ich jetzt nach Venedig fahren, als Tourist wie alle anderen auch und das charmant-morbide Monster im Meer bewundern? Gibt´s da eigentlich auch Mücken? Mücken, Mafia und Mocca, den ich auch nicht trinke - ich glaub, ich laß´s.Obwohl - wenn ich an Commissario Brunetti denke inform von Uwe Kokisch und seiner Typse Elettra. Vielleicht Donna Leon treffen - aber ich spreche null italienisch. Molto problemo. Burkhard B.

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