Posts mit dem Label Kindheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kindheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

15. September 2010

Ein roter Milan

Wenn ich früher meine Großmutter besucht habe, bin ich oft mit ihr in den Feldern außerhalb des Dorfes spazieren gegangen.

Dabei haben wir uns meistens über das unterhalten, was um uns herum passierte, die Tiere und Pflanzen, die wir sahen. Manchmal wies meine Großmutter mich darauf hin, wenn sie einen Greifvogel am Himmel sah. Dunkle Silhouetten, die gemächlich große Kreise zogen und unvermittelt herabschossen, einer Maus hinterher jagend.
Besonders die roten Milane hatten es ihr angetan, sagte sie. Weil sie selten seien, und weil sie zwischen den anderen Vögeln sofort auffielen.

Als wir zwischen den Feldern standen und unseren Blick über die Ebene zum Horizont schweifen liessen, zeigte sie auf einen Milan, dessen Umriss sich vor dem blendenden Sommerhimmel abzeichnete:

"Wenn ich mal tot bin, und du siehst einen roten Milan, dann weißt du, dass ich das bin."

Und jetzt, jedesmal wenn ich einen Greifvogel sehe, hoffe ich, dass es ein roter Milan ist.

9. September 2010

Über Essen: Liebe und Hass, Teil 1




Der Film: "Delicatessen" von Jean Pierre Jeunet, einer meiner absoluten Favoriten.

Ich bin ja mitunter heikel, was Essen angeht. Innereien, zum Beispiel, können mich nur eingeschränkt begeistern. Da ich andererseits ein grundsätzlich neugieriger Mensch bin, probiere ich aber neue oder ungewöhnliche meistens Nahrungsmittel aus. Dass ich Herz nicht mag, entschied ich, nachdem ich in einem japanischen Grillrestaurant ausgiebig auf einem herumgekaut hatte. Es schmeckte so lebendig.

Mein Sportlehrer in der Oberstufe (klein, untersetzt) war mit einer Brasilianerin verheiratet (klein, zierlich). Beide hatten eine Tochter, die (oh, Gene!) so winzig war, dass sie wie die Puppenversion eines Kleinkindes wirkte. Gelegentlich brachte der Sportlehrer seine winzige Tochter mit zum Unterricht und legte damit jede Aktivität im Kurs lahm. Riesige Basketballspieler beugten sich fasziniert über das winzige Mädchen, das seinen Kopf in den Nacken legte, um sie anzuschauen.
Bei einem der Male brachte er eine Tüte aus Brasilien stammende, geröstete und mit Schokolade überzogene Ameisen mit. Der Reiz war einfach zu groß, ich mußte sie probieren. Es hatte den Lehrer schon einige Überzeugungskraft gekostet, bis wir ihm glaubten, dass wir echte Ameisen vor uns hatten und keinen seltsamen Faschings-Scherz. Fast war ich enttäuscht: Die Ameisen schmeckten nach nicht viel, außer nach Schokolade. Ziemlich knusprig. Aber ansonsten unspektakulär.

Ganz anders sind meine Kindheitserinnerungen an meine Großeltern. Meine Oma kochte eigentlich nicht gern, und daher auch nicht besonders gut. Sie lag lieber auf dem Sofa, las kitschige Romane und aß Unmengen Mon Chérie, After eight und Ferrero Küsschen. Die Papierchen, in die die Süßigkeiten gewickelt waren, fanden wir noch Jahrzehnte später beim Saubermachen in den Sofaritzen.
Aus Kochunlust wärmte meine Oma also Dosengemüse auf und rührte dicke Saucen mit Fertigpulver an. Das alles konnte man wahrscheinlich unter "gut bürgerlich" verbuchen, es war eben nur sehr phantasielos. Einmal war meine Oma zutiefst beleidigt, als meine Mutter eine Knoblauchzehe in den Topf mit dem Sonntagsbraten schmuggelte und das Urteil meines Opas (auf den Tisch schlagend und mit vollem Mund) daraufhin lautete: "Mensch, Frau! Schmeckt mal gar nicht schlecht!". Seine Frau mit "Frau" anzusprechen entsprach dem Humor meines Opas.
Wenn meine Oma frische Zutaten verwendete, so kamen diese aus dem Schrebergarten meiner Großeltern. Oder vom Schlachter. Der Schlachter war nämlich ein Freund meines Opas. Da mein Opa in einem anderen Zeitalter, bevor ich geboren war, Elektriker gewesen war, half er dem Schlachter-Freund mitunter mit seiner Kühlanlage. Für die inoffiziell abgewickelten Dienste wurde mein Opa in Naturalien entlohnt, was hiess, dass er völlig absurde Mengen von Fleisch jeder erdenklichen Herkunft in rosa Papier eingeschlagen überreicht bekam.

Die Besonderheit für mich bestand darin, dass ich zu diesen Ausflügen in die Schlachterei mitkommen durfte. Der Betrieb befand sich auf einem ehemaligen Bauernhof, am Stadtrand von Lübeck gelegen, und gehörte einer Familie, deren Mitglieder von der Großmutter bis zum Enkel alle irgendwie mit in die Arbeit eingebunden waren. Die Familie war sehr stolz auf ihre Schlachterei und darauf, dass sie noch selber schlachteten und alle Erzeugnisse selbst herstellten. Im Hof befand sich ein ehemaliger Schweinestall, in dem die -nunmehr toten- Schweine zu Würstchen verarbeitet wurden. Ich fürchtete mich ein bisschen vor dem flachen dunklen Bau, in dem noch leerstehende Koben zu sehen waren, von deren Decke nackte blassrosa Schweinehälften hingen.

Offenbar wurde ein Teil des Schweinefleischs eingepökelt, denn ich kann mich an Wannen aus Weißblech erinnern, die die Salzlake und die Fleischstücke enthielten. Die Wannen waren so flach, dass auch ich mit meinen sechs Jahren hinein blicken konnte. Wie gebannt starrte ich herab auf das aufgequollene Fleisch, an dem ich noch leere Augenhöhlen und haarlose Schnauzen ausmachen konnte. Gesteigert wurde mein Grusel nur durch die Schlachterin selbst, die in einer weißen Gummischürze auf mich zu kam, um sich aus ehrfurchtgebietender Größe zu mir herab zu beugen. Ihre von der Lake krebsroten Hände steckten in Gummihandschuhen, und mit der Rechten hielt sie mir ein gepökeltes Schweineohr entgegen: rosa-weißlich lappte es zwischen ihren Fingern und glänzte noch feucht.
Mit dröhnender Stimme pries sie mir diese besondere Delikatesse an, eine Ehre für mich, die ich nur geniessen durfte, da ich so einen hilfsbereiten Großvater hatte. Nie habe ich die Freundschaft meines Opas mit dem Schlachter mehr verwünscht. Ich glaube, ich bin einfach zur Salzsäule erstarrt, passender Weise.

Im nächsten Kapitel: Pferde.


Das ist ein Cliffhänger, was?





Über Essen: Liebe und Hass, Teil 1




Der Film: "Delicatessen" von Jean Pierre Jeunet, einer meiner absoluten Favoriten.

Ich bin ja mitunter heikel, was Essen angeht. Innereien, zum Beispiel, können mich nur eingeschränkt begeistern. Da ich andererseits ein grundsätzlich neugieriger Mensch bin, probiere ich aber neue oder ungewöhnliche meistens Nahrungsmittel aus. Dass ich Herz nicht mag, entschied ich, nachdem ich in einem japanischen Grillrestaurant ausgiebig auf einem herumgekaut hatte. Es schmeckte so lebendig.

Mein Sportlehrer in der Oberstufe (klein, untersetzt) war mit einer Brasilianerin verheiratet (klein, zierlich). Beide hatten eine Tochter, die (oh, Gene!) so winzig war, dass sie wie die Puppenversion eines Kleinkindes wirkte. Gelegentlich brachte der Sportlehrer seine winzige Tochter mit zum Unterricht und legte damit jede Aktivität im Kurs lahm. Riesige Basketballspieler beugten sich fasziniert über das winzige Mädchen, das seinen Kopf in den Nacken legte, um sie anzuschauen.
Bei einem der Male brachte er eine Tüte aus Brasilien stammende, geröstete und mit Schokolade überzogene Ameisen mit. Der Reiz war einfach zu groß, ich mußte sie probieren. Es hatte den Lehrer schon einige Überzeugungskraft gekostet, bis wir ihm glaubten, dass wir echte Ameisen vor uns hatten und keinen seltsamen Faschings-Scherz. Fast war ich enttäuscht: Die Ameisen schmeckten nach nicht viel, außer nach Schokolade. Ziemlich knusprig. Aber ansonsten unspektakulär.

Ganz anders sind meine Kindheitserinnerungen an meine Großeltern. Meine Oma kochte eigentlich nicht gern, und daher auch nicht besonders gut. Sie lag lieber auf dem Sofa, las kitschige Romane und aß Unmengen Mon Chérie, After eight und Ferrero Küsschen. Die Papierchen, in die die Süßigkeiten gewickelt waren, fanden wir noch Jahrzehnte später beim Saubermachen in den Sofaritzen.
Aus Kochunlust wärmte meine Oma also Dosengemüse auf und rührte dicke Saucen mit Fertigpulver an. Das alles konnte man wahrscheinlich unter "gut bürgerlich" verbuchen, es war eben nur sehr phantasielos. Einmal war meine Oma zutiefst beleidigt, als meine Mutter eine Knoblauchzehe in den Topf mit dem Sonntagsbraten schmuggelte und das Urteil meines Opas (auf den Tisch schlagend und mit vollem Mund) daraufhin lautete: "Mensch, Frau! Schmeckt mal gar nicht schlecht!". Seine Frau mit "Frau" anzusprechen entsprach dem Humor meines Opas.
Wenn meine Oma frische Zutaten verwendete, so kamen diese aus dem Schrebergarten meiner Großeltern. Oder vom Schlachter. Der Schlachter war nämlich ein Freund meines Opas. Da mein Opa in einem anderen Zeitalter, bevor ich geboren war, Elektriker gewesen war, half er dem Schlachter-Freund mitunter mit seiner Kühlanlage. Für die inoffiziell abgewickelten Dienste wurde mein Opa in Naturalien entlohnt, was hiess, dass er völlig absurde Mengen von Fleisch jeder erdenklichen Herkunft in rosa Papier eingeschlagen überreicht bekam.

Die Besonderheit für mich bestand darin, dass ich zu diesen Ausflügen in die Schlachterei mitkommen durfte. Der Betrieb befand sich auf einem ehemaligen Bauernhof, am Stadtrand von Lübeck gelegen, und gehörte einer Familie, deren Mitglieder von der Großmutter bis zum Enkel alle irgendwie mit in die Arbeit eingebunden waren. Die Familie war sehr stolz auf ihre Schlachterei und darauf, dass sie noch selber schlachteten und alle Erzeugnisse selbst herstellten. Im Hof befand sich ein ehemaliger Schweinestall, in dem die -nunmehr toten- Schweine zu Würstchen verarbeitet wurden. Ich fürchtete mich ein bisschen vor dem flachen dunklen Bau, in dem noch leerstehende Koben zu sehen waren, von deren Decke nackte blassrosa Schweinehälften hingen.

Offenbar wurde ein Teil des Schweinefleischs eingepökelt, denn ich kann mich an Wannen aus Weißblech erinnern, die die Salzlake und die Fleischstücke enthielten. Die Wannen waren so flach, dass auch ich mit meinen sechs Jahren hinein blicken konnte. Wie gebannt starrte ich herab auf das aufgequollene Fleisch, an dem ich noch leere Augenhöhlen und haarlose Schnauzen ausmachen konnte. Gesteigert wurde mein Grusel nur durch die Schlachterin selbst, die in einer weißen Gummischürze auf mich zu kam, um sich aus ehrfurchtgebietender Größe zu mir herab zu beugen. Ihre von der Lake krebsroten Hände steckten in Gummihandschuhen, und mit der Rechten hielt sie mir ein gepökeltes Schweineohr entgegen: rosa-weißlich lappte es zwischen ihren Fingern und glänzte noch feucht.
Mit dröhnender Stimme pries sie mir diese besondere Delikatesse an, eine Ehre für mich, die ich nur geniessen durfte, da ich so einen hilfsbereiten Großvater hatte. Nie habe ich die Freundschaft meines Opas mit dem Schlachter mehr verwünscht. Ich glaube, ich bin einfach zur Salzsäule erstarrt, passender Weise.

Im nächsten Kapitel: Pferde.


Das ist ein Cliffhanger, was?

4. September 2009

Die Bullerbü-Psychose

weitere Fotos von FrauFeli

Da meine Cousine mir soeben eröffnet hat, dass sie mit dem Gedanken spielt, selbst ein Blog zu schreiben, fühle ich mich hiermit zu einem neuen Eintrag inspiriert.

Wir sind schon seit unserer Kindheit befreundet und blicken daher auf eine Vielzahl erfreulicher (für uns) und unerfreulicher (für unsere Umwelt) Erfahrungen zurück. Wir sind, trotz großem geographischem Abstand, in ähnlichen Umfeldern aufgewachsen und haben häufig ähnliche Sorgen, meistens finanzieller Natur.

In unserer heutigen Unterhaltung kamen wir zu dem Schluss, dass wir unter einem schweren, wenn nicht sogar genetischen, dann auf jeden Fall seelischen Schaden leiden, der uns glauben macht, unser Leben sei nur dann perfekt, wenn es näherungsweise dem Universum des inoffiziellen Familienidols Astrid Lindgren gleiche. Zwar nahm unsere Unterhaltung einen kurzen Umweg über das Armenhaus in "Michel aus Lönneberga" (eine Schilderung, die uns heute noch zu Tränen rührt, wie wir feststellen mußten), doch waren wir uns einig, dass wir als Kinder ein Ideal eingeimpft bekamen, dass uns bis auf den heutigen Tag anhängt.

Gefühlt wohnen wir in farbig gestrichenen Holzhäusern mit Lochstickerei-Gardinen und Veranden, auf denen der blinde Großvater im Schaukelstuhl vor sich hin sinnt. (Was ja an sich schon mal zwei identische Großväter erfordert.)

Im Sommer würden wir angeln (in der Hoffnung, nichts zu fangen, da sich sonst das Problem des Fische-vom-Leben-in-den-Tod-beförderns stellen würde) oder wir jagten Onkel Einar, der Katzen Büchsen an den Schwanz bindet (Kalle Blomquist) und fürchteten uns vor Gespenstern im Waschhaus (Madita). Wie man sieht, basiert der vorhergehende Absatz auf der Annahme, dass wir selber uns noch im Kindesalter befänden. Da dies aber, äh, schon seit längerem nicht mehr der Fall ist, sollten wir das Szenario entsprechend anpassen:

Wir wären also die Muttis des Bullerbü-Kosmos (aufgrund eines kleinen Irrtums hätte ich beinahe Labyrinth geschrieben..), und würden weiße Schürzen über den gestreiften Kleidern tragen und den ganzen Tag singen. Wir würden für jeden ein gutes Wort haben und wenn wir nicht gerade Marmelade einkochen oder Fleischklösschen braten (Karlsson vom Dach), dann verarzten wir aufgeschlagene Knie und basteln mit allen Kindern zusammen am Küchentisch.

Und Weihnachten, oh, Weihnachten (typische Lindgren-Formulierung), das wäre die großartigste Zeit im Jahr. Wir stünden fast ununterbrochen in der Küche um dort die wunderbarsten Pfefferkuchen, Gans mit glasierten Kartoffeln und Reispudding in dem eine Mandel versteckt ist (Weihnachten auf Bullerbü)zuzubereiten. Und dann würden wir alle zusammen um den riesigen Christbaum tanzen.

Wir könnnten einige der heutigen Annehmlichkeiten, wie Waschmaschine und Zentralheizung geniessen und natürlich müssten die Papas sich beteiligen an den Aufgaben. Und ausserdem hätten wir eine Arbeitsstelle in der Stadt, und es gäbe wohl auch ein Auto. Natürlich auch völlig ungedenk der Tatsache, dass zumindest ich bis jetzt weder Ehemann noch Kinder vorweisen kann und ich mich also vorläufig auf den Bau und das Einrichten des kleinen blauen Hauses konzentrieren könnte (da die Möbel zu einem nicht unwesentlichen Teil aus einem großen schwedischen Möbelhaus stammen würden, wäre ich damit auch einige Zeit beschäftigt).

Die Schöpferin dieser magischen Erzählungen hatte genauso eine Büroarbeit in der Stadt und eine kleine Wohnung und einen viel prosaischeren Alltag als man vermuten möchte.

Dies alles umfasst unsere Bullerbü-Psychose, deren Problem in der Diskrepanz zwischen dem angelesenen (bzw. an-vorgelesen-bekommenen) Ideal und der rauhen Wirklichkeit einer vollen U-Bahn nachmittags um sechs liegt. Unser ganzes bisheriges Leben und auch unser ganzes zukünftiges werden wir beschäftigt sein, diese Psychose in unser Ich zu integrieren, diese Abwesenheit von weißen Holzveranden in unserem Leben. Was hätten wir ohne die Bücher von Astrid Lindgren gemacht? Wahrscheinlich wären wir heute Drogensüchtig und/oder Terroristen geworden. Oder wir hätten eine andere Psychose entwickelt.

Allerdings fällt mir dazu auch eine Passage aus den Lebenserinnungen Astrid Lindgrens, "Das entschwundene Land" ein, in der die Autorin die Liebesgeschichte ihrer Eltern beschreibt. Sinngemäß sagt sie, dass sie nur eine so wunderbare Kindheit haben konnte, weil ihre Eltern eine so positive Haltung zum Leben verkörpert haben und diese den Kindern mit auf den Weg gegeben haben.

Astrid Lindgren selber hatte kein sehr einfaches Leben, und ich glaube, das wirklich bewundernswerte ist, durch Hochs und Tiefs diese positive Grundhaltung immer wieder aufzunehmen, auch wenn sie zeitweise verloren gehen mag.